Die Versuchung

 

Sie stand am Straßenrand im Schatten eines Baumes und hob die Hand. Als er anhielt und sie einstieg, sah er ihr an, wie erleichtert sie war. Es war kein Vergnügen in der Mittagshitze hier zu stehen und auf Autos zu warten, die nur selten vorbeikamen. Er war froh, dass der gemietete Toyota eine Klimaanlage hatte und auch das Mädchen genoss sichtlich die Kühle. Obwohl verschwitzt und etwas mitgenommen, machte sie der Charme der Jugend dennoch attraktiv, mit ihrem hübschen Gesicht, ihrer hellbraunen Haut und dem schwarzen, zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden Haar. Sie war attraktiv trotz oder wegen ihrer spärlichen, ja ärmlichen Garderobe, die gerade mal aus einem sehr kurzen, rosa Rock, einem dunkelblauen, verwaschenen Top mit Spaghettiträgern und abgetragenen Flip-flops bestand. Auf der Vorderseite des Tops konnte man einen undefinierbarer Aufdruck erkennen und darunter sah man das Oberteil eines bunten Bikinis. Am auffälligsten und für ihn am überraschendsten war jedoch ein kleiner Diamant in einem Schneidezahn, der aufblitzte, wenn ihn ein Sonnenstrahl traf. Er wunderte sich, dass dieses Mädchen sich so etwas leisten konnte.

Nachdem sie eine Weile gefahren waren, verspürte er Durst und als eine Tankstelle kam, bog er von der Straße ab. Sie gingen in den Kiosk und er bestellte eiskalte Colas. Sie trank schnell und gierig und gab ihm zu verstehen, dass sie Cola sehr mochte, sich aber schon lange keine mehr hatte leisten können. Als er ihren sehnsüchtigen, auf eine Glasvitrine mit Snacks gerichteten Blick bemerkte, bestellte er, ohne sie zu fragen, eine kalte Pizza und noch ein Getränk. Während sie aß, steckte er sich die Kopfhörer seines neuen, sündhaft teuren Spielzeugs in die Ohren. Ein kleines Wunderding, mit dem man auch telefonieren, photographieren und im Internet surfen konnte. Sie schaute interessiert hin und er erklärte ihr stolz die Funktionen, dabei ließ er nicht unerwähnt, dass solch ein Gerät in seiner Heimat tausend Euro kostet und hier sicher nicht erhältlich sei. Dann machte er ein Bild von ihr, sie war entzückt, und er versuchte ihr vergeblich zu erklären, dass er alle seine Urlaubsfotos in diesem kleinen Apparat gespeichert habe. Schließlich überließ er ihr die Kopfhörer und sie war sofort von der Musik begeistert und wollte den Player nicht mehr hergeben.

Als sie weiterfuhren, hockte sie sich auf den Vordersitz, die Füße auf der Sitzfläche, die angewinkelten Knie ragten nach oben. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Beifahrertür, hatte ihren Oberkörper ihm voll zugewandt und sah ihn mit großen Augen an. Ihr Blick, anfangs noch schüchtern und neugierig, war zunehmend herausfordernder und provokativer geworden. Ihr knapper Rock war hochgerutscht und wenn er sie von Zeit zu Zeit verstohlen anstarrte, sah er nicht nur den leichten, hellen Flaum auf ihren schlanken Beinen, sondern auch ihren rosa Slip. Obwohl sie konzentriert der Musik zu lauschen oder intensiv nachzudenken schien, bemerkte sie dieses Anstarren sehr wohl und sie registrierte auch, wohin er sah, aber sie war keineswegs verlegen. Im Gegenteil, sie beugte sich im Takt der Musik, die er ganz leise mithören konnte, vor und zurück und es schien ihm, dass sie sich ganz bewusst tief herabbeugte, damit er ihre kleinen Brüste sehen konnte. Er fand sie nett und sympathisch und überlegte, was er ihr schenken könnte, wenn die gemeinsame Fahrt zu Ende war.

Nach einer guten Stunde veranlasste ihn das dringende Bedürfnis zu pinkeln auf einen Rastplatz abzubiegen. Auf dem Platz, der durch dichte Büsche von der Straße abgetrennt war, stand ein alter, ramponierter Straßenkreuzer mit weit geöffneten Türen. Zwei junge Männer saßen auf dem Kühler und hörten laute Musik. Er fuhr an ihnen vorbei an das andere Ende des Platzes. Dort hielt er an, sagte dem Mädchen, sie solle unbedingt im Auto sitzen bleiben, stieg dann aus und ging zu einem Baum in einiger Entfernung, um sich zu erleichtern. Kaum hatte er ihr den Rücken zugewandt, verließ sie den Wagen und lief zu den beiden Männern. Als er, noch immer pinkelnd, über seine Schulter blickte, sah er, wie sie auf die beiden einredete und dass der eine sich die Kopfhörer aufgesetzt hatte. Er war verärgert und wollte ihr zurufen, sie solle zum Auto zurückgehen, als sich einige Dinge fast gleichzeitig ereigneten. Das Mädchen setzte sich auf den Rücksitz der alten Karre, einer der Männer rannte in Richtung seines Autos, der zweite startete den Motor und fuhr, die Beifahrertür immer noch geöffnet, langsam in dieselbe Richtung. Der, der gerannt war, bückte sich kurz hinter dem Toyota und sprang dann zu seinem Kumpel auf den Beifahrersitz. Der Motor heulte auf, die Reifen wirbelten Staub auf, der Wagen machte einen Satz und raste auf die Straße.

Dies alles spielte sich so rasch ab, dass er, auch durch sein lang andauerndes Pinkeln gehindert, in das Geschehen nicht eingreifen konnte. Als er endlich fertig war, rannte er auf die Straße und stieß laute Flüche und Verwünschungen aus, aber das Auto war schon so weit weg, dass eine Verfolgung sinnlos war. Er war zwar froh, dass die beiden nicht versucht hatten sein Auto oder sein Gepäck zu klauen und ihm war auch sofort klar, dass mit seiner Schönen auch sein teures Spielzeug verschwunden war, aber er brauchte ein Weile, ehe er bemerkte, dass sie ihm einen Reifen zerstochen hatten. Weiterhin fluchend begann er das Ersatzrad zu montieren. Zu allem Übel waren die Schrauben teilweise eingerostet und er musste heftig am Schraubenschlüssel zerren, um sie zu lockern. Dabei fiel ihm sein Portemonnaie aus der Tasche seiner Shorts und er warf es auf den Rücksitz.

Dann fuhr er weiter. Nach ein paar Kilometern sah er zu seiner Überraschung das Mädchen wieder am Straßenrand stehen. Sie winkte, senkte aber den Arm, als sie seinen Wagen erkannte. Langsam fuhr er an ihr vorbei und starrte sie wütend an. Traurig erwiderte sie seinen Blick.  Als sie im Rückspiegel auftauchte, gab er Gas und ihre Gestalt wurde immer kleiner. Doch plötzlich bremste er, hielt an, stieg aus und bedeutete ihr mit einer ausholenden Armbewegung, zu kommen. Langsam und zögernd setzte sie sich in Bewegung. Als sie ankam, öffnete er die Tür und sie setzte sich neben ihn. Sie hatte Tränen in den Augen und begann schluchzend und wortreich etwas zu erzählen, das er nicht verstand und auch gar nicht verstehen wollte. Er herrschte sie lautstark an, sie solle den Mund halten. Sie schwieg, dreht ärgerlich den Kopf von ihm weg und starrte auf den Rücksitz und dort sah sie, durch ihre Tränen hindurch, sein Portemonnaie liegen. Sie setzten ihre unterbrochene Fahrt fort und neue Hoffnung keimte in ihr auf.

 

 

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