Sonntag in der Stadt

                
Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel. In dem hellen, gleißenden Licht des frühen Nachmittags werfen die Häuserblocks kurze Schatten auf die Bürgersteige. Hier, im  langweiligsten und ödesten Teil der Innenstadt, dominieren die beiden mehrspurigen  Hauptverkehrsstrassen, die sich auf dem ausgedehnten, verkehrsreichen Zentralplatz kreuzen. Nirgendwo in diesem Viertel gibt es bemerkenswerte Gebäude, keine Fußgängerzone verbreitet ihren meist fragwürdigen Kommerzcharme,  die Geschäfte gehören zum Typ Ein-Euro-Shop, Matratzenladen oder Penny-Filiale mit Auslagen in den Schaufenstern, die alles andere als anregend oder interessant sind und die Gastronomieangebote beschränken sich auf Dönerläden, Stehcafés oder Kneipen, die „gemütliche Atmosphäre und rustikale Küche“ anpreisen. Ansonsten bestimmen Bürogebäude und mehrstöckige Wohnhäuser die einheitlichen Straßenfronten.

Es ist Sonntag, ein Tag, der für viele, deren Leben durch Arbeit bestimmt und strukturiert wird, der langweiligste in der Woche ist. Um diese Zeit und bei dieser Hitze geht hier kaum ein Mensch ohne wichtigen Grund auf die Straße. Man sitzt noch beim Mittagessen, sonnt sich auf dem Balkon oder hat einen schattigen Platz in einem weitabgelegenen Park oder Biergarten aufgesucht. Der Verkehr auf den Hauptstraßen ist weniger dicht als unter der Woche, trotzdem fahren auch jetzt die Autos in Zweier- und Dreierreihen, die Straßenbahnen kreischen beim Abbiegen und Motorräder starten mit aggressivem Dröhnen, sobald die es Grün wird. All das zusammen verursacht einen Höllenlärm, der im Takt der Ampelfarben regelmäßig anschwillt und abebbt, verbreitet einen permanenten Gestank nach Abgasen und heißem Gummi und wirbelt wieder und wieder den Staub auf, der sich an diesem heißen, windstillen Sommertag auf die Stadt gelegt hat. Die Nebenstraßen sind dagegen Oasen der Ruhe, voll mit dicht geparkten Wagen, die Anwohnerplaketten hinter den Windschutz­scheiben. Auf den Bürgersteigen ist niemand, fast niemand.

Doch, ein Mann geht durch die Straßen, ein Mann mittleren Alters. Besser gesagt, er schlendert, man könnte auch sagen er flaniert, wenn das in dieser Gegend nicht der reinste Hohn wäre. Ohne Ziel geht er an den geschlossenen Geschäften entlang, entlang an den drögen Schaufenstern, entlang an den Fronten der schilderbepflasterten Büroeingänge, entlang an den Briefkastenbatterien der Wohnhauseingänge. Er biegt in eine Querstraßen ein, kommt bald darauf zurück auf die Hauptstraße, um dann erneut in einer Nebenstraße zu verschwinden. Von Zeit zu Zeit bleibt er stehen, ohne ersichtlichen Grund, unschlüssig, zögernd, wartend. Aber auf wen, auf was? Er ist nicht nur allein, sondern offensichtlich auch einsam und weiß mit seiner Zeit nichts besseres anzufangen, als hier, in dieser Tristesse,  herumzulaufen. Vielleicht ist er fremd in der Stadt und kennt keine Orte, an denen mehr Abwechslung und Unterhaltung geboten wird. Vielleicht überbrückt er nur die Wartezeit zwischen zwei Zügen; der Bahnhof ist nicht weit. Jedenfalls ist er hier, in der Hitze, in dem Lärm, in dem Staub.

Und zwei weitere Menschen haben sich zur selben Zeit hierher verirrt, um in dieser wenig einladenden Stadtwüste spazieren zu gehen. Sie gehen jedoch anders als der einsame Mann. Ihr Gehen wirkt elegant, sie stellen sich bewusst zur Schau, obwohl niemand da ist, der sie bewundern könnte. Es kommt, selbst in dieser Umgebung, dem Flanieren schon sehr nahe. Sie gehen, ohne Ziel, ohne Eile, nur darauf angelegt, sich zu zeigen und die Zeit zu vertreiben. Es sind zwei junge, dunkelhäutige Frauen. Die eine ist groß und stämmig, die andere klein und zierlich. Die Stämmige hat ein breites Gesicht mit dicken Lippen, flacher Nase, sehr hohen, stark nachgezogenen Brauen über den etwas träge blickenden Augen und glatte, kurze Haare, die mit Gel eingeschmiert, dicht am Kopf anliegen. Ein schwarzes Top ohne Träger spannt sich über den großen Busen und lässt die mächtigen Schultern, den größten Teil des Rückens und die Oberarme frei. Ein dünnes Goldkettchen mit einem kleinen Goldherz liegt etwas verloren auf der Brust. Überdimensioniert ist dagegen die braune Wildledertasche, deren Träger auf einer Schulter aufliegt. Ihre Jeans sind bis an die Knie hochgekrempelt und bedecken den größten Teil der stämmigen Beine, an den Füßen trägt sie flache Sandaletten. Die Zierliche hat lange, wuschelige, krause Haare, ihr Gesicht ist feiner, Nase und Lippen sind eleganter, die Augen wieseln rasch von einem Ort zum andern. Auffällig sind ihre sehr großen, runden, goldfarbenen Ohrringe. Auch sie trägt ein Top, auberginenfarben mit Nackenband. Die Träger ihres schwarzen BHs unterteilen den schmalen Rücken und die Schultern. Ihre Shorts sind aus Jeansstoff, auf einer Pobacke ist eine aufgestickte, goldene Figur, die an einen Pferdekopf erinnert. Sie zeigt viel von ihren wohlgeformten, schlanken Beinen, die durch hohe, spitze Stilettos mit superdünnen Absätzen aufreizend betont werden. In der Hand hält sie eine kleine, schwarze Handtasche mit kurzem Griff. Die beiden Frauen gehen nebeneinander, sie lassen ihre Blicke schweifen und reden pausenlos.

Bei der ersten Begegnung auf dem sehr breiten Bürgersteig der Hauptstrasse ist die Entfernung zwischen dem Mann und den Frauen noch recht groß. Er schaut die beiden an, aber nur die Große scheint ihn wahrzunehmen; er sieht sehr deutlich das Weiß in ihren Augen, als sie ihm kurz nachblickt. Bei der zweiten Begegnung in einer Nebenstraße kommen sie sich so nahe, dass sie sich fast berühren. Er sieht der Großen diesmal direkt in die Augen, sie hält seinem Blick stand. Beide drehen sich die Köpfe zu, als sie aneinander vorbei gehen. Das leise Lächeln auf ihren Lippen entgeht ihm nicht. Als ihre Wege schließlich zum dritten Mal aufeinander treffen, weiß er, dass die beiden, ebenso wie er, ziellos, aber vielleicht nicht ganz wunschlos, in dieser Traumgegend umherkreuzen und er beschließt, sie anzusprechen.  Er setzt sein schönstes Lächeln auf, bleibt vor ihnen stehen, so dass auch sie anhalten müssen und fragt, ob er sie zu einem Kaffee oder einer Erfrischung einladen dürfe. Bei dieser Hitze sei doch etwas Kaltes, eine Limo oder ein Eis, nicht schlecht. Die Große lächelt breit, sie ist offensichtlich interessiert. Die Kleine will weiter, zieht die Große an der Hand, schaut abweisend, ja fast giftig. Er merkt, dass die Große zusagen möchte, aber die Kleine redet auf ihre Freundin ein, laut und schnell und in einer Sprache, die er nicht versteht. Während sie immer aufgeregter wird, bleibt die Große ganz ruhig und als sie schließlich ein paar Worten sagt, hat sie sich durchgesetzt, hat die Kleine überzeugt oder zumindest überredet. Sie nickt dem Mann zu und die drei überqueren gemeinsam die Hauptstrasse.

Auf der anderen Seite ist es genauso trostlos und laut, aber es gibt dort ein Café, es ist sogar ein Straßencafé, mit ein paar Tischchen, Stühlen und bunten Sonnenschirmen auf dem Gehweg. Es war völlig leer, aber jetzt sitzen die drei Personen auf ziemlich billigen, weißen Plastikgartenstühlen, einen Meter von dem lärmenden Verkehrsstrom entfernt. Die Bedienung, eine ältere Frau mit schwarzem Rock und weißer Bluse, bringt ihnen die Karte. Er fragt die beiden Frauen nach ihren Wünschen und bestellt zwei Cola und ein Weizenbier. Nachdem die Getränke vor ihnen stehen, beginnt er die Unterhaltung. Aber nur die Große antwortet, die Kleine ist beleidigt, sie sitzt da und sagt zunächst kein Wort. Aber auch die Große trägt nicht viel zu dem Gespräch bei, das sich dahin schleppt, nicht nur weil die gemeinsame Sprache fehlt. Die beiden können kaum Deutsch, nur Englisch, aber da kann er nur radebrechen. Die Unterhaltung ist auch mühsam, weil sie sich nichts mehr zu sagen haben, nachdem das „wie heißt ihr, woher kommt ihr, wie lange seid hier schon hier, was macht ihr hier, was habt ihr vor“ geklärt ist. Einige Versuche von seiner Seite, das Gespräch zu beleben, andere Themen einzubringen, Interesse bei seiner neuen Bekanntschaft zu wecken, scheitern und von den beiden gehen schon gar keine Impulse aus.

Schließlich verstummt er und sie sitzen nun schweigend da, trinken die warm gewordenen Erfrischungen und beobachten den Verkehr. Nach einer Weile fangen die beiden Frauen an, sich wieder in ihrer Sprache zu unterhalten, dabei schauen sie ihn an, machen offensichtlich Bemerkungen über ihn. Beide müssen lachen, auch die Kleine, die sonst so biestig dreinschaut. Er weiß nicht, um was es geht, was sie über ihn reden und sie denken nicht daran, ihn einzuweihen, ihn einzubeziehen. Er wird erst verlegen, dann ärgerlich, obwohl er sich den Ärger nicht anmerken lässt und schließlich wird es ihm einfach langweilig. Zum Glück fängt die Kleine an, zum Aufbruch zu drängen, aber die Große will noch bleiben. Höflichkeitshalber fragt er beide, ob sie noch eine Cola möchten. Die Große bejaht, die Kleine schweigt. Irgendwann ist auch die zweite Cola ausgetrunken und das Zwiegespräch der beiden Frauen erneut verstummt. Die Kleine beginnt wieder zu nörgeln und demonstrativ auf die Uhr zu sehen. Die Große gibt schließlich nach und sagt, dass sie jetzt gehen müssen. Er nickt erleichtert. Sie stehen auf, bedanken sich für die Einladung und wünschen ihm noch einen schönen Sonntagnachmittag. Er bleibt sitzen, als sie ihm die Hand geben und sieht ihnen nach, wie sie in Richtung Bahnhof gehen und immer kleiner werden, bis sie schließlich verschwunden sind. Er bestellt sich noch ein Bier.

 

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