Schneefall

Man hatte ihn gewarnt, das Wetter könne um diese Jahreszeit rasch umschlagen. Aber als der Tag begann, war es ein solch strahlender, warmer Herbstmorgen, ohne eine Wolke am tiefblauen Himmel, dass er unbedingt diesen Ausflug machen wollte, die Fahrt über den Pass zu dem heiligen See. Er hatte schon immer davon geträumt, einen „power place“ aufzusuchen, einen Ort, an dem der magische Einfluss des Überirdischen, des Göttlichen unmittelbarer und direkter zu spüren sei als an anderen. So wurde der See in seinem Reiseführer beschrieben und außerdem wurde die Gegend als landschaftlich einmalig schön und sehr einsam gelobt.

Schon beim Anstieg auf den Pass bestätigten sich die Aussagen zur Schönheit und zur Einsamkeit. Die Hinfahrt war problemlos, wenn auch die Straße viel schlechter als befürchtet und der Pass viel steiler als erwartet war. Er musste eine Reihe von Haarnadelkurven bewältigen und höllisch aufpassen, beim Umrunden der tiefen Schlaglöcher nicht zu dicht an den unbefestigten Straßenrand zu kommen, auf dessen Talseite sich über weite Strecken ein tiefer Abgrund auftat und in den zu schauen, er nach Möglichkeit vermied. Auf der Passhöhe hielt er an und genoss den phantastischen Blick. Hinter ihm das weite Tal und der steile Berghang mit der sich windenden Straße, vor ihm eine weite, sanfte Hochebene, die bis zu den Bergen reichte, die den heiligen See umgaben. Die Landschaft war in eine dünne Schneedecke gehüllt und wirkte fast monochrom. Auch auf der Straße, die nun sanft abfiel, lag Schnee. Es war jungfräulicher Schnee, keine Spuren wiesen darauf hin, dass hier jemand gefahren oder gegangen wäre. Hie und da sah er ein paar verstreute Jurten der Nomaden und ein paar Tiere in deren Nähe, Yaks, Schafe, Hunde. Ein Zelt, nicht weit hinter dem Pass, war sogar ganz dicht an der Straße. Ansonsten waren die einzigen Lebewesen, die er zu Gesicht bekam, kleine Mäuse oder Hamster, die ihre Spuren im Schnee hinterließen und wunderschöne Raubvögel, die auf exponierten Plätzen saßen oder langsam ihre Kreise am Himmel zogen.

Aber nicht nur die Landschaft, auch das Wetter hatte sich verändert. Der Himmel war nun bewölkt und trübte sich ein und nur in Richtung Pass war er noch blau. Die Sonne war ein diffuser, heller Ball hinter einem grauen Wolkenschleier. Der See, den er nach zügiger Fahrt schließlich erreichte, lag malerisch in einem kleinen Talkesse. Die umgebenden Berge spiegelten sich, soweit sie nicht in dem Wolkennebel verschwanden, in seinem klaren, ruhigen Wasser. Es war ein Bild vollkommener Symmetrie, eine vollendete, meisterhafte Komposition. So unwirklich wie die Landschaft war auch die Stille. Sie war absolut, aber nicht lähmend oder bedrohlich, sondern von unendlicher Sanftmut und Friedlichkeit. Er genoss diesen intensiven Eindruck, die ihm die unberührte Natur bot und glaubte tatsächlich etwas zu spüren, was er vorher nicht gefühlt hatte. Die Schönheit und tiefe Ruhe war auch auf ihn übergegangen und dennoch empfand er zugleich eine mystische Erregung. Aber das konnte er sich auch eingebildet haben, weil er sich gewünscht hatte, etwas Besonderes zu verspüren. Er saß lange auf einem Stein am Ufer, betrachtete das Wasser und die Berge und malte sich aus, wie es sein müsste, wenn im Sommer die Pilger den See umrundeten.

Es kostete ihn einiges an Überwindung, um sich von dem Zauber dieses Ortes loszureißen, aber sein Verstand sagte ihm, er müsse aufbrechen, um rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit die steile Passabfahrt hinter sich zu bringen. Als er sich auf den Rückweg machte, war der Himmel völlig zugezogen und es begann zu schneien, erst langsam und zögerlich, dann aber immer heftiger. Er wusste, dass in dieser Region plötzliche Wetterumschwünge nichts ungewöhnliches waren, aber er war dennoch überrascht, wie schnell er in ein Chaos rasant tanzender Schneeflocken geraten war. Um nicht von der Straße abzukommen, musste er langsam und vorsichtig fahren und als er sich dem Pass näherte, wurde die Fahrt immer schwieriger, die Räder drehten ab und zu durch und es begann nun auch dunkel und kalt zu werden. Ihm war klar, dass er heute die Rückfahrt nicht mehr schaffen würde und er überlegte sich, was er tun sollte. Die Nacht in dem kalten Auto verbringen? Besser wäre es, eines der Nomadenzelte aufzusuchen, um dort den Schneefall und den neuen Tag abzuwarten.

Er erinnerte sich an das eine schwarze Zelt nahe an der Straße und er achtete darauf, es nicht zu verpassen. Als er es undeutlich in dem heftigen Schneetreiben sah, stellte er den Wagen am Straßenrand ab, stieg aus, nahm den Rucksack mit den paar Sachen, die er bei sich hatte und stapfte durch den Schnee. Ein Hund schlug an und er blieb stehen. Aus der Jurte kam eine Gestalt, die den Hund beruhigte und ihn zu sich winkte. Es war ein ziemlich kleiner Mann in einem dreckigen, grauen Schafspelz und einem Filzhut auf dem Kopf. Beide redeten, aber eine Verständigung war nicht möglich, er entnahm jedoch den Gesten, dass er eintreten solle. Als die Haustür, eine dicke Filzdecke, beiseite geschlagen wurde, drang warme, schlechte Luft aus dem Inneren heraus. Es roch nach Rauch und Schweiß und nach der verbrannten Butter der Butterlampen, die für ein trübes Licht sorgten. Es waren aber zu wenig, um die Dunkelheit wirksam zu erhellen und erst als sich seine Augen an die Umgebung gewöhnt hatten, nahm er wahr, dass in der Mitte des kreisrunden Raums eine steinerne Feuerstelle war, eine Art Herd, auf dem ein Kessel stand. Um das Feuer, das nicht zur Beleuchtung beitrug, weil es nur noch schwach glimmte, saßen zwei Frauen und einige Kinder. Der Mann bedeutete ihm, sich ebenfalls zu setzen.

Eine der Frauen war älter, die andere jünger, aber der Unterschied war nicht so groß, als dass es Mutter und Tochter hätten sein können. Vielleicht waren es Schwestern oder Schwägerinnen oder der Mann hatte zwei Ehefrauen. Beide hatten tiefschwarze Haare, die zu langen Zöpfen geflochten waren. Ein buntes, zusammengeknotetes Tuch umgab ihren Kopf wie ein Schweißband. Die Gesichter waren sehr dunkel, vermutlich von der intensiven Sonne in dieser Höhe, aber auch von dem Dreck, der wohl nur selten abgewaschen wurde und als eine Art Sonnencreme diente. Beide trugen lange, schwarze Kleider und hatten bunte Schürzen vorgebunden, die von ähnlichen Farben waren, wie die Tücher. Beide Frauen waren von einer herben Schönheit, ein Typ, dem man hier oft begegnete. Und von beiden ging auch ein herber Geruch aus.

Dann betrachtete er die Kinder. Nach und nach konnte er vier identifizieren. Das kleinste lag in einem Fellbündel etwas abseits und schlief. Zwei Mädchen sahen aus, als ob sie fast gleich alt seien, möglicherweise waren es Zwillinge. Das größte Kind, ein Junge, war vermutlich so um die 10 Jahre alt. Sie waren still und schauten ihn mit großen, neugierigen Augen an, vermutlich hatten sie noch nie eine so seltsame Gestalt gesehen.

Schließlich nahm er auch den Gastgeber näher in Augenschein. Vor dem Zelt hatte er nur bemerkt, dass er von ziemlich kleiner Gestalt war, nun sah er, dass der Mann auch ziemlich alt wirkte, jedenfalls deutlich älter als die Frauen. Er hatte einen schütteren Bart und dichte, verfilzte Haare, die unter dem Rand seines Filzhutes hervorschauten. Er hatte seinen Pelz abgelegt und trug nun eine Filzjacke von undefinierbarer Farbe, eine schwarz glänzende Hose und Filzstiefel. Er erzählte den Frauen etwas, dabei deutete er auf ihn und auch in Richtung seines Autos und diese lachten.

Die ältere Frau gab ihm eine Emailschüssel und einen Porzellanlöffel und forderte ihn gestenreich auf, sich aus dem Kessel zu bedienen. Die jüngere Frau hatte derweil in einem hölzernen Zuber Buttertee zubereitet und schenkte ihm eine Tasse ein. Den Tee nahm er dankend an, nach einem kritischen Blick in den Kessel, gab er aber vor, keinen Hunger zu haben, obwohl das nicht stimmte. Er hatte keine Lust auf das undefinierbare Ragout, das vermutlich schon seit Tagen vor sich hin köchelte und nahm sich vor, später, wenn er nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses stehen würde, ein paar Kekse aus seinem Vorrat zu knabbern. 

Nachdem er den Tee getrunken und sich aufgewärmt hatte, versuchte er seinen Gastgebern klarzumachen, dass er mit dem Auto stecken geblieben sei, nicht weiter könne und den Schneefall abwarten wolle. Überraschenderweise war diese Kommunikation kein Problem, sie verstanden die Botschaft trotz der fehlenden Worte. Der Mann, an den er sich eigentlich gewandt hatte, sagte nichts, aber die Frauen redeten auf ihn ein und zeigten ihm einen Platz am Rande des Zeltes, weit weg von der wärmenden Feuerstelle, wo er sich hinlegen könne. Ihm schien, als ob sie nicht nur auf ihn einredeten, sondern auch miteinander stritten. Jedenfalls wurden sie zunehmend lauter und ihre Stimmen wurden aggressiv, wenn sie miteinander sprachen. Der Mann saß immer noch wie unbeteiligt daneben und lächelte verlegen. Die Kinder starrten ihn weiterhin mit großen Augen an und mucksten sich nicht. Nach einer Weile begann die Familie sich auf diverse Liegeplätze zu verteilen. Als erstes waren die Kinder verschwunden. Dann zog der Mann seine Filzjacke und seine Filzstiefel aus, nahm als letztes den Hut ab, legte sich dicht neben das Feuer und begann kurz darauf zu schnarchen. Die Frauen kicherten etwas verlegen, banden die Schürzen ab, zogen die schwarzen Kleider aus, löschten die Butterlampen und verschwanden in einem Haufen aus Decken und Fellen.

Die rote Glut des Feuers verbreitete ein spärliches Licht und er starrte noch eine Weile in dieses Rot und war dankbar, dass er eine solch komfortable Bleibe für die Nacht gefunden hatte. Dann kroch er zu dem Platz, dem man ihm zugewiesen hatte und zog die schweren Stiefel und die Jacke aus, die er anbehalten hatte, obwohl er schon seit einer Weil stark schwitzen musste. Er legte sich auf die Felle und deckte sich notdürftig zu. Es war angenehm warm und er dachte, bereits im Halbschlaf, noch darüber nach, ob und wie er den Weg über den Pass schaffen würde, dann war er auch schon eingeschlafen.

Er wachte auf, weil er jemanden an seiner Seite spürte und zugleich den herben Geruch wahrnahm. Es war nun völlig dunkel und er konnte nicht erkennen, wer es war, aber er merkte rasch, dass es eine der Frauen sein musste und im wurde auch schnell klar, was sie von ihm wollte. Ihr Vorgehen war eindeutig und systematisch. Anfangs war er überrascht, ging aber dann auf ihre Wünsche ein. Es dauerte nicht lange und alles ging ohne Worte vonstatten, ohne Ächzen und Stöhnen und am Ende verschwand die Frau so plötzlich und geräuschlos, wie sie gekommen war.

Er lag da, verwirrt und doch irgendwie beglückt. Nach einer Weile kehrte die Müdigkeit zurück und als er gerade dabei war, wieder einzuschlafen, näherte sich erneut eine Gestalt, vermutlich die zweite Frau. Auch sie forderte den Tribut, den er offensichtlich für die Übernachtung zu bezahlen hatte. Aus ihren Gesten und Bewegungen und ihren fordernden Griffen entnahm er, dass sie mit der Auferstehung seines Fleisches unzufrieden war. Alles dauerte länger als beim ersten Mal und es war deutlich mühseliger, aber auch dieser Akt wurde erfolgreich abgeschlossen und die Frau verschwand. Er war erschöpft und befürchtete, dass die Begierde der Frauen so groß sei, dass sie nochmals kommen würden. Aber dies geschah nicht und er schlief schließlich ein.

Als er erwachte, schien das Tageslicht durch den Zelteingang und die Kinder saßen um das Feuer herum, das nun hell loderte. Von den Erwachsenen war niemand im Zelt. Er zog sich an und trat ins Freie. Es hatte aufgehört zu schneien, die Morgensonne war schon ein Stück weit über die Berge gestiegen und ein schöner, klarer Tag kündigte sich an. Er sah, wie die beiden Frauen und der Mann in einiger Entfernung vom Zelt mit ihren Yaks und Schafen beschäftigt waren, zum Glück war der Hund bei ihnen. Er beschloss, sich sofort auf den Weg zu machen, ohne Frühstück und ohne langes Abschiednehmen. Einen Moment lang überlegte er auch, ob er etwas Geld da lassen solle, meinte aber dann, dass er für die Übernachtung ausreichend bezahlt habe und so legte er nur ein paar Kekse und eine Tafel Schokolade neben die Feuerstelle. Er versuchte den Kindern die Wange zu streicheln, diese wichen aber erschreckt zurück. Den Erwachsenen rief er ein paar Worte des Dankes zu und ging dann zu seinem eingeschneiten Auto. Er würde es sicher schaffen, den Pass zu überqueren, die Sicht war klar und auf der Straße lag weniger Schnee als er befürchtet hatte. Erst als er ganz nahe an sein Fahrzeug heran gekommen war, bemerkte er, dass sich etwas verändert hatte. Das Auto war kleiner geworden, alle vier Reifen waren zerstochen.

 

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