Nothalt

 

Als die Flasche angeflogen kam, in ihrer Wucht und Geschwindigkeit durch das fahrende Auto verstärkt, hatte er keine Chance auszuweichen. Sie traf ihn am Kopf, er stürzte, Blut sickerte auf den Asphalt der Nothaltebucht.

Er hatte seinen Bruder in Deutschland besucht, mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Seinen jüngeren Bruder, der im Frühjahr zur Beerdigung des Vaters gekommen war und der, sehr zum Missfallen des Älteren, im ganzen Dorf mit seinem Wohlstand geprahlt hatte, den er sich im fernen Deutschland erarbeitet habe. Doch keiner wollte ihm so recht glauben, ihm, der immer gehänselt worden war, dem immer Benachteiligten, der meist zurückstecken musste und der zudem so etwas wie ein Ausländer geworden war. Er sollte es weiter gebracht haben als der Große, der Liebling der Eltern, das stete Vorbild? Die skeptische Haltung der Dorfbewohner wurmte den Deutschländer, der allen beweisen wollte, unwiderlegbar beweisen, wie gut es ihm ging. Es kam ihm die Idee, dass sein Bruder ihn besuchen und seine Familie mitbringen solle, damit diese seinen Wohlstand mit eigenen Augen sähen und dann im Dorf darüber redeten. Dieser späte Triumph war es sogar wert, die Kosten der Reise zu übernehmen und die Verwandtschaft eine Woche lang zu bewirten und zu ertragen.

Der Bruder durchschaute jedoch diese Absicht und missbilligte sie und hatte sich zunächst geweigert, auf diesen Wunsch einzugehen, gab aber schließlich nach. Nicht wegen des Drängens seiner Frau, die begierig war, das Märchenland mit eigenen Augen zu sehen und schon gar nicht wegen der Kinder, die sich dem Wunsch der Mutter angeschlossen hatten, deren Meinung aber ohnehin nicht zählte. Der Grund seines Sinneswandels war ein anderer. Beim Aufräumen der Wohnung seines Vaters hatte er ein Päckchen mit Geld gefunden, das dieser, den Banken aus Prinzip misstrauend, in den Polstern seines Sofas versteckt hatte und von dem keiner etwas wusste. Es war nicht viel Geld, aber es kam ihm äußerst gelegen. Beim Nachdenken, ob er den Fund seiner Frau und seinem Bruder mitteilen sollte, kam er sehr rasch zu dem Schluss, dies nicht zu tun. Der Bruder hatte doch angeblich genug Geld, der hatte doch alles, was er brauchte, so sagte er es jedenfalls ständig. Es gab daher keinen Grund, das Erbe mit ihm zu teilen. Und seine Frau, die musste nicht alles wissen, die würde nur auf dumme Gedanken kommen und unnütze, überflüssige Dinge kaufen. Er beschloss, als er das Geld wieder sorgfältig einwickelte und in seine Jackentasche steckte, sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen. Er wollte nun doch nach Deutschland fahren, aber nicht weil der Bruder das wünschte, nein, er wollte dort ein Auto kaufen und mit diesem zurück in die Heimat fahren. Das Erbe, zusammen mit seinem Ersparten, müsste für einen gebrauchten Mercedes reichen, einen alten, aber unverwüstlichen Mercedes Diesel. Dann würde er ein Taxigeschäft aufmachen oder ein Transportunternehmen gründen. Die Leute würden kommen und ihn bitten, sie in die Stadt zu fahren, um Einkäufe zu machen, weil dies bequemer war als auf den langsamen Bus zu warten. Andere würden das Auto für eine Hochzeit mieten, deshalb musste es ein weißer Mercedes sein. Und schließlich könnte er, zum Neid der Nachbarn, mit seiner Familie am Sonntag ans Meer fahren. Ja, wenn er einen Mercedes hätte, wäre er der König im Ort, der Größte. Er müsste nicht mehr schlecht bezahlte Aushilfsarbeiten annehmen und er würde in Ansehen und Wohlstand mit seinem Bruder gleichziehen.

Er erzählte seiner Frau, dass er bei seinem letzten Besuch in der Stadt ein Lotterielos gekauft habe und dass er Geld gewonnen habe und er sagte ihr auch unmissverständlich, wofür er den Gewinn verwenden wolle. Dasselbe schrieb er seinem Bruder als er mit mitteilte, dass er nun doch kommen werde und bat ihn gleichzeitig, ihm beim Kauf seines Wunschautos behilflich zu sein, mit dem er dann in die Heimat zurückfahren wolle. Der Bruder zeigte sich erfreut und schrieb seinerseits, dass er ihn am Flughafen abholen würde, dass er sich in Deutschland um nichts kümmern müsse und dass er gerne mit ihm auf Autosuche gehen wolle. Nachfragen wegen des Lottogewinns stellte er nicht, auch dann nicht, als sie zusammen waren. Dem Brief beigefügt waren die Flugtickets.

Sie waren sehr früh am Morgen mit dem Sammeltaxi in die Kreisstadt gefahren, dann weiter mit dem Bus in die Hauptstadt und von dort kamen sie mit dem Flugzeug in das gelobte Land. Im Flugzeug war allen vieren schon kurz nach dem Start schlecht geworden. Sie saßen starr und festgeschnallt auf ihren Sitzen, brachten keinen Bissen hinunter und waren froh, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Der Bruder erwartete sie wie versprochen und zog sie, als sie ihm von den Schrecken des Fluges erzählten, spöttisch wegen ihrer Unerfahrenheit und Weltfremdheit auf. Zuhause, in einem großen Wohnblock am Stadtrand, wurden sie herzlich von der Schwägerin und den Kindern begrüßt und genötigt, erst einmal etwas Richtiges zu essen, um sich zu erholen. Die Wohnung war nicht groß, aber allen war es lieber, trotz der Enge zusammen zu sein als in eine Pension auszuweichen. Dass dies auch für ihn viel billiger war, sagte der Bruder zwar nicht, aber alle wussten es. Eine Woche war ja nun auch nicht so lang und der Tag der Abreise war fest eingeplant.

Beide, er und seine Frau, waren verwirrt und beeindruckt von diesem fremden Land, die Kinder waren fasziniert. Vieles war so ganz anders als daheim, vieles kam ihnen aber auch bekannt und vertraut vor. Im Süpermarket gab es heimatliche Produkte. Das Brot und die Süßwaren in der Bäckerei schmeckten vertraut und die Sonderangebote beim Fleischer konnte man, nach anfänglichem Misstrauen, bedenkenlos essen. Seine Frau tätigte Einkäufe und war von der Auswahl und der Qualität der Waren begeistert, stöhnte aber über die hohen Preise. Im Fernsehen, dem Hauptvergnügen am Abend, sahen sie Sendungen in ihrer Sprache, die sie in ihrem Dorf nicht empfangen konnten. Es gab Nachbarn aus ihrer Gegend, die ihnen vom Leben in diesem fremden Land berichteten, ihnen sagten was gut und was schlecht sei und ihnen auch gestanden, dass sie oft Heimweh hätten, aber hier bleiben müssten, bei den vielen Gottlosen, um Geld zu verdienen. Manches klang anders, als sie es von dem Bruder gehört hatte. Von dem Deutschland außerhalb ihres Ghettos bekamen sie nicht viel mit, nur die Kinder, die sich schnell angepasst hatten und das Zusammensein mit ihren Cousins genossen, trauten sich unbekümmert in die fremde Welt. Für sie war es das Schönste, mit dem Bus in das Zentrum zu fahren und dann stundenlang durch die Kaufhäuser zu streifen, Rolltreppen zu fahren und all die vielen elektronischen Geräte auszuprobieren, die sie staunen ließen.

Schon am Tag nach der Ankunft begannen er und sein Bruder, der sich eine Woche frei genommen hatte, die Suche nach einem geeigneten Auto. Er hatte sich genau überlegt, wie das Auto aussehen sollte. Es musste unbedingt einer von diesen Mercedes Diesel sein, die nie kaputt gehen. Und wenn man doch etwas reparieren müsste, gab es in der Stadt geschickte Mechaniker, die für wenig Geld alles richten könnten und wenn man besondere Ersatzteile bräuchte, könnte man diese über den Bruder oder einen anderen Bekannten aus Deutschland besorgen. Er hatte sich die Ausstattung im Detail überlegt, wegen der Hochzeiten und selbst die Farbe schwebte ihm vor, cremeweiß. Sein Bruder fuhr mit ihm zu verschiedenen Autohändlern, aber sein Traummodell fand er nicht und er musste nach und nach seine Ansprüche zurückschrauben. Schließlich wurden sie aber doch fündig. Ein gut erhaltenes Prachtstück mit gerade mal 150000 Kilometern, lindgrün lackiert, dunkelrote Ledersitze, die nur ganz wenig und nur an manchen Stellen etwas abgeschabt waren, grün getönte Scheiben und Reifen, die noch ganz gut aussahen und genügend Profil hatten. Und das alles zu einem Preis, der so günstig war, dass er gar nicht viel würde handeln müssen. Einen Nachteil hatte das Auto allerdings und das erklärte auch den Schnäppchenpreis. Der Kühler war kaputt und musste ersetzt oder aufwändig repariert werden. Aber beides war teuer und er wollte sein Geld lieber in andere verlockende Mitbringsel stecken und die Reparatur daheim machen lassen, wo ja alles, wie gesagt, viel billiger und genauso gut war.

Nach längerem Beratschlagen kamen sie gemeinsam mit dem Verkäufer, einem Landsmann, der nicht nur Händler sondern auch Automechaniker war, zu einem Schluss, den alle gut fanden. Der Händler würde die Löcher provisorisch flicken. Er versprach, das so gut zu machen, dass der Kühler dicht bleiben würde, bis er wieder in der Heimat wäre und dort warteten ja schon die preiswerten Spezialisten. Er müsse allerdings vorsichtig und langsam fahren, auf keinen Fall zu schnell und er solle lieber einen Tag länger einplanen und er müsse unbedingt immer auf die Temperaturanzeige achten, auch seine Frau solle mit hin gucken und wenn der Zeiger in den roten Bereich käme, müsse er sofort anhalten, eine halbe Stunde warten und dann Wasser nachfüllen. Für einen Wasserkanister müsse im Kofferraum trotz der vielen Mitbringsel ein Platz vorgesehen werden.

Er kaufte das Auto und sein Bruder half ihm bei der Anmeldung und der Versicherung. Der Händler besorgte mit seinen Beziehungen den TÜV-Stempel, der ja nur für die kurze Strecke bis zur Grenze gebraucht wurde. Es blieb ihm noch ein guter Tag, sich an das Auto zu gewöhnen, sich mit der Bedienung vertraut zu machen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie das Lenkrad reagierte, wie der schwere Wagen beschleunigte und abbremste. Er genoss das tiefe Dröhnen des Diesels, die roten Ledersitze, die grünen Scheiben und das Autoradio mit Cassettendeck. Der Händler hatte ihm ein paar Cassetten mit heimatlicher Musik geschenkt, wegen des guten Geschäfts, das er mit dem Schrottauto gemacht hatte. Die Testfahrten verliefen problemlos, die Nadel der Temperaturanzeige hatte den roten Bereich nie erreicht.

Nun standen sie am Vorabend der Rückfahrt vor der Haustür und packten ihre Sachen und die vielen Einkäufe in das Auto, um früh am nächsten Morgen startbereit zu sein. Er hatte darauf bestanden, eine Campingausrüstung mitzunehmen, einen Klapptisch, vier elegante Klappstühle aus Segeltuch und eine riesige Kühltasche, für die vorgesehenen Fahrten ans Meer. Der Kofferraum war voll und auch auf der Rückbank stapelten sich Tüten von Aldi und von C&A und ließen den Kindern kaum Platz zum sitzen. Doch dies machte ihnen nichts aus, sie waren pausenlos mit den piependen, blinkenden Elektronikspielen beschäftigt, deren Handhabung sie sehr rasch von ihren Cousins gelernt hatten. Er hatte vor, so lange zu fahren, bis er müde war, dann wollten sie im Auto schlafen und am folgenden Tag so rasch wie möglich weiter. In drei Tagen könnten sie zu hause ankommen. Die volle Kühltasche, die Konserven und Chiptüten, die Sesamringe und Äpfel würden, zusammen mit den in Plastikfolie eingeschweißten Wasser- und Colapaketen, für die Versorgung reichen. Der Kanister mit Kühlwasser lag griffbereit im Kofferraum, ganz oben auf dem Gepäck.

Die Nacht war für alle unruhig verlaufen. Er war aufgeregt, wegen der ungewohnten, langen Fahrt mit dem ungewohnten, großen Auto. Die Frau vermisste schon jetzt die schönen Geschäfte und die Schwägerin, mit der sie sich gut verstanden hatte und die Kinder bedauerten den Abschied von ihren Freunden, die ihnen soviel Neues beigebracht hatten. Doch früh, sehr früh, verabschiedeten sie sich voneinander, dankten für alles und begannen, mit des Bruders und Gottes Segen die lange Reise.

Er musste schon bald auf die Autobahn, die er zum ersten Mal in seinem Leben am Vortrag kennen gelernt hatte. Er hatte nur wenig  Erfahrung mit dieser Hölle auf Erden machen können, aber es reichte, dass er eine Heidenangst vor der Auffahrt hatte, vor dem Einfädeln in den fließenden Verkehr, vor den Rasern, die mit wahnwitzigem Tempo an ihm vorbeibrausten und vor den vielen Lastern, die dicht auffuhren und ihn scheinbar von der Fahrbahn verdrängen wollten. Dabei hatte er die Tücken einer Baustelle noch gar nicht kennen gelernt. Noch gar nicht erfahren, wie es ist, wenn sich in engem Abstand links Betonplatten endlos aneinander reihten und rechts die donnernden Laster zum greifen nah waren, die nicht selten leicht schlingerten und den Mercedes zu berühren drohten. Aber es ging nicht anders, er musste die Autobahn nehmen und er schaffte es auch ganz passabel.

Er fuhr vorsichtig und langsam und immer äußerst rechts und überholte keinen Laster. Alles ging gut, bis dann gegen Mittag doch der Ernstfall eintrat. Die Temperaturanzeige erreichte den roten Bereich und eine rote Warnleuchte blinkte. Seine Frau kreischte, er solle sofort anhalten, aber er hatte es schon selbst gesehen. Er fuhr in die nächste Nothaltebucht, die auf diesem Teil der Autobahn den Seitenstreifen ersetzte. Er hielt an, stellte den Motor ab und öffnete die Motorhaube. Heißer Dampf schlug ihm entgegen. Die Autos rasten vorbei, jedes Mal stieg der surrende Ton beim Näherkommen an und fiel beim Entfernen wieder ab, pausenlos, nervenaufreibend, penetrant. Sie waren so schnell, dass man sie gar nicht in Augenschein nehmen konnte, vor allem dann nicht, wenn sie auf gleicher Höhe waren. Aber der Lärm störte ihn nicht und dass diese Deutschen so rasen mussten, konnte er nicht verhindern, möge Allah ihnen beistehen. Da er nun auf jeden Fall eine halbe Stunde warten musste, beschloss er, hier, an Ort und Stelle, Mittagspause zu machen, etwas zu essen und sich auszuruhen. Er startete, gegen den Widerstand seiner ängstlichen Frau, den Motor und fuhr den Wagen etwas weiter nach rechts, zwei Räder standen auf dem Asphalt, zwei auf dem Gras. Dann baute er den Campingtisch und die Stühle auf und seine Frau entnahm einige Leckereien für das Mittagessen aus den Plastiktüten. Als besondere Delikatesse hatte sie ein großes Glas mit Essiggurken auf den Tisch gestellt. Die Kinder legten widerstrebend ihre Suchtspielzeuge auf den Rücksitz und alle begannen zu essen.

Er war zufrieden, dass er bisher alles richtig gemacht hatte und nahm sich gerade eine Essiggurke, als er es auf einmal hupen hörte und seine Frau schrie, dass er sich  umdrehen soll. Er sah, wie ein großes, schwarzes Cabriolet erstaunlich langsam auf den Nothalt zufuhr. Bis auf den Fahrer erhoben sich die Insassen, es waren insgesamt vier, aus ihren Sitzen, winkten und johlten. Er, überrascht, dass ihn die heftig gestikulierenden, fremden Leute so herzlich begrüßten, lächelte ihnen zu und hob eine Hand, um zurückzuwinken. Kurz bevor sie auf Höhe des parkenden Mercedes angekommen waren, beschleunigte der Fahrer den Wagen, so dass er einen Satz nach vorne machte und die halb stehenden Insassen wieder in ihre Sitze gedrückt wurden. Einer holte mit einem Arm weit aus und einen Wimpernschlag später traf ihn die Bierflasche mit voller Wucht an der Stirn. Er konnte nicht fassen, was geschehen war und fiel ungläubig staunend und immer noch lächelnd auf den Campingtisch, riss diesen um und landete dann auf dem Asphalt. Auch das Glas mit den Essiggurken war auf den Boden gefallen und zersplittert. Gurken rollten auf die Fahrbahn und wurden von einem laut hupenden, schweren Lastwagen platt gewalzt.

 

 

 

 

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