Monsterfisch

Er liebte es zu angeln, zu warten, bis an der Leine ein leichtes Rucken zu spüren war, um sie dann vorsichtig einzuholen und endlich das Opfer an Land zu ziehen. Aber leider hatte er keinen Angelschein, die Fischerprüfung hatte er auch im dritten Anlauf nicht bestanden. Um seinem Vergnügen trotzdem nachgehen zu können, ging er nachts an den großen Fluss und warf seine Angel an einer abgelegenen, schwer einsehbaren Stelle aus. Er konnte dies nur allein und im Geheimen machen und niemandem etwas erzählen. Das war zwar schade, weil das wichtigste am Angeln das Prahlen mit den Erfolgen ist, da er aber ohnehin ein Einzelgänger war, nahm er dieses Manko in Kauf. Er angelte nur zu seinem Vergnügen, nicht um die gefangenen Fische mit nach hause zu nehmen und zu essen. Er achtete sehr darauf, dass sie am Leben blieben und setzte sie wieder vorsichtig in das Wasser. Er liebte diese Nächte am Fluss. Er liebte es am Ufer zu sitzen, dem leisen Rauschen des Wassers zu lauschte und die spärlichen Lichtreflexe des Mondes auf den vorbeifließenden Wellen zu beobachtete. Gegen die Kühle der Nacht halfen ihm kräftige Schlucke aus der Wodkaflasche. Dass er nur gelegentlich einen Fisch von bemerkenswerter Größe fing, war ihm nicht so wichtig, wichtiger war, dass er ruhig da sitzen und auf einen großen Fang warten konnte, der sich mit etwas Glück sicher einstellen würde.

In einer dieser Nächte traf ihn das Glück mit solcher Macht, dass es zu seinem Unglück wurde. Es war schon spät, besser gesagt, es ging schon gegen Morgen und die Wodkaflasche war leer. Er saß auf den Steinen der Uferböschung, döste vor sich hin und hielt die Angelrute ganz locker, als ein heftiger Ruck sie ihm fast aus der Hand gerissen hätte. Er wusste sofort, dass es ein großer Fisch sein musste und war im Nu hellwach und voll konzentriert. Er fühlte die Größe des Fisches an dem sanften, gleichmäßigen Ziehen an der Leine und ab und an sah er undeutlich und schemenhaft im Mondlicht einen riesigen, weißen Bauch aufleuchten. Er erinnerte sich, vor ein paar Jahren gelesen zu haben, dass es hier im Fuß Welse gäbe, die bis zu zwei Meter lang und fünfzig Kilo schwer sein könnten. Man hatte ein solches Prachtexemplar bei einer Elektrobefischung gefangen, die ein Chemiekonzern zur Überprüfung der Wassergüte durchführte. Ein bekanntes Massenblatt hatte in diesem Zusammenhang von einem Monsterfisch gesprochen. Und es fiel ihm auch „Der alte Mann und das Meer“ ein. Er liebte diese Geschichte und hatte sich so manches mal vorgestellt, wie er den Kampf mit dem großen Fisch angehen und bestehen würde.

Er stand rasch auf und befestigte die Angel mit einem Karabinerhaken an seinem Gürtel. Dann stellte er sich, ganz dicht am Wasser, auf die großen, nassen Steine der Uferböschung und begann vorsichtig seinen Kampf mit dem Fisch. Zum Glück hatte er eine sehr stabile Angel mit einer dicken Schnur und einem Haken, der für kapitale Hechte und Zander ausgelegt war. Er musste nicht fürchten, dass eines dieser Teile reißen oder kaputt gehen würde. Eine gespannte Erregung ergriff ihn und er begann die Leine langsam einzuholen. Er wollte den Fisch ermüden und dann an Land ziehen, deshalb zog er nur wenig in die eine, dann in die andere Richtung und ließ der Leine immer viel Spiel. Er war erstaunt, wie wenig Wiederstand der Fisch ihm entgegensetzte und er dachte sich, dass er offenbar noch gar nicht so richtig gemerkt hatte, in welch misslicher Lage er war. Der Angelhaken in seinem Maul schien allenfalls etwas Lästiges zu sein, das man bei Gelegenheit los werden musste.

Die Taktik des Ermüdens und Einholens wäre vielleicht aufgegangen, wenn er in einem Boot gesessen und der Fisch seine Kräfte durch das Mitziehen des Bootes verbraucht hätte. Aber er stand am Ufer und als der Wels endlich so reagierte, wie man es von einem Fisch an der Angel erwarten konnte, nämlich mit mächtigen Schlägen von Flossen und Schwanz davon zu schwimmen, um der Gefahr zu entkommen, war der Effekt mitreißend. Er hatte gerade die Schnur etwas eingeholt und die Kurbel festgeklemmt, als ein gewaltiger Ruck ihm die Angel aus der Hand riss und mächtig an seinem Gürtel zerrte. Er strauchelte und versuchte sein Gleichgewicht durch einen hektischen Schritt nach hinten wieder zu erlangen, glitt aber dabei auf den nassen Steinen aus und fiel ins Wasser. Der Fisch zog ihn ein paar Meter weit in Richtung Flussmitte. Die Strömung war an dieser Stelle recht stark und er war ein schlechter Schwimmer, außerdem hatte er Kleidung und Schuhe an, eine Flasche Wodka intus und die Angel zerrte an seinem Gürtel. Er konnte noch ein paar Hilfeschreie ausstoßen, aber dann war sein Schicksal besiegelt. Man fand beider Leichen ein paar Tage später, weit flußab, immer noch durch die sehr haltbare Angelschnur miteinander verbunden.

 

Copyright: yupag 2008

 

 

 

 

x