Missverständnisse

Das erste Missverständnis war wohl eher eine Verarschung. Es war Sonntag, später Nachmittag, drückende Schwüle lag über der westpolnischen Seenplatte. Sie freuten sich auf einen schattigen Platz unter Bäumen, in einem lichten Wald, am Rande eines der Seen. Doch sie waren nicht allein. Hunderte hatten sich dieses Ziel ebenfalls vorgenommen. Auf jedem freien Platz entlang der Landstraße standen Autos, vor den wenigen Kiosken bildeten sich lange Schlangen für Bier und Limo, die Eisverkäufer jubelten und an den Imbissbuden waren alle Sitzplätze belegt. Endlich hatten sie einen Parkplatz gefunden, sogar einen Schattenplatz und gingen die Straße zurück auf der Suche nach Kaffee und Kuchen. Vor einem Kiosk hatte sich ein kleiner Straßenmarkt etabliert, für Obst, Gemüse und Strohmenschen, hässliche, plumpe, menschenähnliche Gestalten aus Stroh. Sie waren so grotesk, dass es ihn reizte ein Foto zu machten. Doch kaum hatte er die Kamera an sein Auge gehoben, fing der Mann hinter dem Stand, der an einer dieser Figuren herumwerkelte, laut auf Deutsch an zu plärren. Er wolle sich nicht fotografieren lassen, das sei sein gutes Recht. Fotografieren von Menschen ohne deren Einverständnis sei in diesem Land verboten, ob der Scheißtourist das nicht wüsste. Der Scheißtourist erschrak, war ob dieser unvermittelten, harschen Attacke verunsichert und versuchte den Aufgebrachten zu beruhigen. Das Bild sei doch kein Porträt, der Mann sei doch nur ganz klein drauf und gar nicht richtig zu erkennen. Er sei doch nur ein kleiner Teil von dem schönen Stand, den er aufnehmen wollte, weil ihm die Strohfiguren so gut gefielen. Das Ganze sei ein Missverständnis und er solle sich doch bitte beruhigen. Doch der Echauffierte war diesen Worten und Erklärungen in keiner Weise zugänglich, hörte nicht auf zu toben und zu schimpfen und verkündete schließlich, er würde die Polizei rufen und die niemcows sollten es ja nicht wagen, sich von hier zu entfernen bevor die milicja da sei. Während er wütend weiter auf die beiden einredete, zog er ein Handy aus der Tasche seiner abgeschabten Jeans, wählte und schrie, als er die Verbindung hatten, nun wild in das Telefon. Die Frau, eher vorsichtig und ängstlich, wollte bleiben und warten, bis die Polizei käme, dann würde sich ja alles aufklären und wir würden nicht noch mehr Ärger bekommen, so ihre Worte. Er hielt dagegen, dass er wegen diesem ausgemachten Idioten doch seine Zeit hier nicht vertrödeln wolle. Und schließlich, so fuhr er aufgebracht fort, habe er doch niemanden angefahren, vergewaltigt oder beklaut. Wir fahren weiter, so seine Entscheidung. Unter dem wütenden Gekreische des Händlers gingen sie zurück zu ihrem Auto und fuhren davon, ohne Kaffe, ohne Kuchen, ohne Apfelsaftschorle und ohne den Schattenplatz am See überhaupt gesehen zu haben. Beim Wegfahren hörten sie in der Ferne ein Martinshorn. Dies war für die Frau der offensichtliche, besser gesagt der unüberhörbare Beweis, dass dieses Arschloch tatsächlich die Polizei gerufen und diese nichts besseres zu tun hatte, als wegen solch einer Banalität aufzukreuzen. Er war, nach einigem Nachdenken zu dem Schluss gekommen,  dass der Händler sie nur verarschen wollte und die Polizei gar nicht angerufen habe und dass das Martinshorn nichts mit dieser Sache zu tun habe. Dies ist, so sagte er zu der Frau, einer dieser wunderbaren Zeitgenossen, die mit Wonne andere verunsichern und sich einen Ast lachen, wenn sie es geschafft haben. Aber so ganz sicher war er sich dann doch nicht, jedenfalls erhöhte er das Tempo und bog bei der nächsten Gelegenheit in eine Nebenstrasse ab.

Dieses seltsame, verunsichernde Erlebnis hatten sie noch in frischer Erinnerung, als sie an einem der nächsten Tage durch eine Stadt gingen, die durch eine Mischung von alten, nahezu verfallenen und neu restaurierten Häusern bemerkenswert war. Er nahm eines dieser hässlichen, grauen Gebäude mit bröckelnder Fassade auf. Vor dem Haus stand ein Mann, der wohl ziemlich böse drein schaute, als er bemerkte, dass sich eine Kamera auf ihn richtete. Dem Fotograf fiel das nicht auf, weil er, besessen wie immer, nur darauf bedacht war, eine interessante Szene, ein gutes Bild  festzuhalten. Seine Frau, die viel sensibler auf ihre Umwelt und die Menschen achtete, bemerkte den Blick des Mannes und rief ihm aus einiger Entfernung zu, er solle das Bild nicht machen. Und nun begann das zweite Missverständnis. Der Mann, von dem ausgeprägten Leitgedanken beseelt, seine fotografische Freiheit durch Nichts und Niemanden einschränken zu lassen, verstand in seiner Hektik nur, er solle nicht fotografieren, kapierte jedoch nicht den Grund. Er reagierte heftig. Er lasse sich nicht vorschreiben, was er aufnehmen solle und was nicht, das sei ganz allein sein Bier. Seine heftige, für sie unverständliche Reaktion löste nun widerum bei der Frau die Krise aus. Sie schimpfte zurück, was sei er nur für ein Idiot, er, der einzig und allein sein Scheißhobby im Sinn habe. Sie würde ihm doch nach all den Jahren nicht in seine blöde Fotografiererei dreinreden, das müsse er doch so langsam gemerkt haben. Im Übrigen würden ihn auch andere wegen seines Fimmels, wegen seines Wahns für bekloppt halten. Sie rief gerne die fiktive Meinung anderer zur Hilfe, wenn sie moralische Unterstützung suchte. Ein Wort gab das andere, eine Beleidigung folgte der anderen. Den Tränen nahe, holte sie schließlich den größten Hammer aus der Beziehungskiste hervor und fragte sich und ihn, ob man bei so wenig gegenseitigem Vertrauen überhaupt weiter miteinander leben könne, ob es nicht besser sei, getrennte Wohnungen zu nehmen. Und dann setzte sie dem Streit noch die Krone mit der Bemerkung auf, dass sie auf ihn nicht angewiesen sei und mit dem Zug zurück fahren könne. Er lachte höhnisch. Der Tag war gründlich versaut, doch die gemeinsame Reise ging weiter.  

Dann, am letzten Tag, sie befanden sich bereits auf der Rückreise noch ein weiteres Missverständnis. Sie wollten abseits der Autobahn in einer kleinen Stadt, übernachten. Alles war wieder vertrauter, unproblematischer, heimatlicher. Es war immer noch heiß, doch sie hatten ein hübsches, familiäres Hotel am Rand der Innenstadt gefunden, saßen im Garten unter schattenspendenden Bäumen, aßen Fisch mit Feldsalat und Flammkuchen und tranken einen frischen regionalen Goldriesling. Er schlug vor, nach dem Essen noch einen kleinen Stadtbummel zu machen, auf einen Kaffee oder ein Bier. An dieser Stelle muss erläutert werden, dass die Frau erst vor kurzer Zeit eine Beinoperation überstanden hatte und immer noch nicht gut zu Fuß war. Sie benutzte Krücken und das Gehen längerer Entfernungen fiel ihr schwer. Sie machten sich auf den Weg in die Innenstadt, langsam und gemächlich. Er hatte sich, um seinen durch diese Umstände gehemmten Bewegungstrieb zu befriedigen, zur Angewohnheit gemacht, immer mal ein paar Meter vorauszueilen, in eine Nebenstraße einzubiegen, einen bewussten Umweg zu machen, immer auf der Sucher nach der unvergesslichen Szene, dem begnadeten Bild, dem ultimativen Foto. Wie ein Hirtenhund, der eine Schafsherde umkreist, kehrte er genauso zuverlässig zu seinem Herren, das heißt zu seiner Frau zurück. Sie waren schließlich auf dem Marktplatz angekommen und er, mal wieder ein deutliches Stück voraus, sah von weitem, wie die Frau sich auf eine Bank setzte, um sich von den Anstrengungen auszuruhen. Er rief ihr zu oder glaubte zumindest er habe ihr zugerufen, dass er gleich wieder zurück sei und ging, ohne sich nochmals umzudrehen und ohne Abschiedswinken die Straße weiter, die zu der nahe gelegenen Stadtkirche führte, umrundete diese, besichtigte die Skulpturen an den Außenwänden und das ausladende Portal, fand sich dann in einer romantischen Gasse mit Kopfsteinpflaster und bog schließlich wieder in die Hauptstraße Richtung Markt ein. Bevor er dort wieder angelangte, studierte er noch die Auslagen einer Buchhandlung und erfreute sich am Schaufenster eines Eisenwarenladens. Nach längstens zehn oder fünfzehn Minuten war er wieder dort angelangt, wo er seine Frau zu treffen gedachte. Doch sie war weg. Er schaute sich um, schaute sich gründlich um. Ging ein Stück in die eine Straße hinein, kehrte zurück, klapperte noch die eine und die andere nahegelegene Straße ab, doch seine Frau war wie vom Erdboden verschluckt, als habe sie sich in Luft aufgelöst, sie war jedenfalls nicht mehr da. Er ärgerte sich, fühlte sich verhohnepiepelt und ging nach einer Weile des untätigen Wartens und Herumstehens zurück zum Hotel. Dort traf er sie. Sie wartete im Hof und überfiel ihn mit Vorwürfen. Warum er sie einfach habe stehen lassen, ohne ein Wort, ohne einen Blick? Was hätte sie machen sollen, wenn sie mit ihren Krücken umgefallen wäre, wenn sie den langen Weg zurück zum Hotel nicht alleine geschafft hätte? Er fragte sie, ob sie tatsächlich geglaubt habe, er lasse sie allein, allein in einer fremden Stadt, am späten Abend. Er sei schon Hunderte Male ein paar Schritte vorausgegangen und immer zurückgekehrt. Wenn man sich verliert, wartet man doch erst einmal dort, wo man zuletzt zusammen war. Das sei doch logisch, oder? Darauf sie, er sei einfach losgestürmt, ohne ein Wort, ohne eine Erklärung und, das fand sie ganz besonders schlimm, er habe sich nicht ein einziges Mal nach ihr umgedreht. Er sei immer so unklar, so unpräzise, so mundfaul, so obermundfaul. Sie habe nicht gewusst, woran sie sei und habe gemeint, er sei in ein Wirtshaus gegangen und habe sie einfach stehen lassen, in einer Stadt, in der sie sich nicht auskenne. Sie habe sich ja noch nicht einmal den Namen des Hotels, geschweige denn den Weg vom Hotel ins Zentrum gemerkt. Ein freundlicher Anwohner, seltsamerweise ein Franzose, habe ihr bei der Orientierung geholfen und ihr den richtigen Weg gezeigt. Er reagierte auf ihre Vorwürfe heftig. Wann, so fuhr er sie an, wann habe er sie denn schon jemals in ihrer ganzen langen Ehe versetzt? Sie kenne ihn nach all den Jahren immer noch verdammt schlecht. Ein Wort gab das andere, ein Vorwurf folgte dem nächsten. Der schöne laue Abend war erneut gründlich versaut. Am nächsten Tag ging die Reise weiter, zusammen natürlich, denn sie liebten sich, seit vielen Jahren.

 
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