Killbilly

 

Billy“ hörte er das Mädchen rufen. „Billy, komm zurück. Komm her. Bei Fuß“. Und wieder „Billy komm“, lauter, dringlicher. Er drehte sich auf den Rücken und sah sie am Ufer stehen, ein junges, zierliches Mädchen, das immer aufgeregter umherhüpfte, die Arme schwenkend und dann wieder die Hände als Schalltrichter nutzend. Nun sah er auch den Hund, dem ihr Rufen galt. Besser gesagt, er sah den Kopf des Hundes aus dem Wasser ragen. Diesem Kopf nach zu urteilen war es ein großes Tier. Er war jedenfalls überzeugt, dass es ein kräftiger, stämmiger und gefährlicher Hund war, wohl eine Art Kampfhund. Und er bemerkte, dass das Tier auf ihn zu schwamm, zwar noch in gehöriger Entfernung, aber es schwamm auf ihn zu. Schon hörte er ein heiseres Bellen und Jaulen und wunderte sich, dass ein Hund beim Schwimmen Laut geben konnte. Und langsam griff die Angst nach ihm.

Diese verdammte Angst, die ihn schon sein ganzes Leben lang verfolgte und immer wieder ausbrach. Angst vor der Dunkelheit, vor schwierigen Situationen, vor fremden Menschen und nicht zuletzt Angst vor vermeintlich gefährlichen Tieren. Wenn er an einem großen Hund vorbei gehen musste, wurde ihm jedes Mal mulmig. Er bildete sich dann ein, den wütenden Blick, das geifernde Maul, die bleckenden Zähne zu sehen und ein heisere Bellen und Schnappen nach Luft zu hören. In Wirklichkeit ging das Tier friedlich an der Leine seines Herrchen und scherte sich nicht im geringsten um den Angstneurotiker, der einen weiten Bogen um ihn machte. Es gab keinen Grund für diese Angst vor Hunden. Noch nie war er in eine bedrohliche Situation geraten, nur als Kind war er einmal von einem Straßenköter in die Wade gezwickt worden und dennoch hatte sich das Trauma in ihm fest gesetzt.

Die aufkommende Angst beflügelte ihn. Er war kein guter Schwimmer. Sein Stil war ohne Eleganz und er schwamm ziemlich langsam. Wenn er schneller werden wollte, wechselte er von der Brust- in die Rückenlage, aber seine ausladenden Armbewegungen trieben ihn kaum zügiger voran. Jetzt aber strengte er sich an. Er streckte seinen Körper, drehte den Kopf zum Himmel, seine Arme kreisten rascher und wühlten das Wasser auf. Als er wieder zu dem Hund hin sah, hatte sich der Abstand etwas vergrößert, aber nach ein paar weiteren Minuten intensiven Schwimmens war er erschöpft. Er wurde langsamer und der Hund kam wieder näher. Bald war er so nahe, dass er die Augen, das offene Maul, die scharfen, weißen Zähne und die aufgerichteten Ohren deutlich sehen konnte. Das fiktive Bild, das sich in ihm aufgebaut hatte, vermischte sich mit der Realität. Und wieder hörte er aus der Ferne die Rufe des Mädchens, leiser werdend, aber auch aufgeregter und ängstlicher: „Billy komm endlich zurück! Mach keinen Scheiß!“ Aber Billy hörte nicht auf sein Frauchen, sondern schwamm unbeirrt und zielstrebig auf ihn zu. Verzweifelt drehte er sich in die Bauchlage und versuchte mit unbeholfenen, hektischen Kraulbewegungen den Abstand zu vergrößern, aber er wusste, dass er damit nicht entkommen konnte. Wohin hätte er auch entkommen können? Der Weg zurück zum nahen Ufer war durch den Hund versperrt. Vor ihm lag der offene See, das gegenüberliegende Ufer weit entfernt, viel zu weit für sein erbärmliches Schwimmvermögen. Und auch seine Hoffnung, dass der Hund endlich aufgeben oder dem drängenden Rufen des Mädchens folgen würde, erfüllte sich nicht.

Er hörte mittlerweile das schwere, atemlose Keuchen und Bellen buchstäblich in seinem Nacken und als er voll Panik zurückschaute und direkt in die bösen Augen dieser Kreatur sah, fasste er instinktiv einen Entschluss. Er holte tief Luft, tauchte und schwamm unter Wasser einige Meter im rechten Winkel davon. Als er prustend und nach Luft schnappend wieder an die Oberfläche kam, stellte er erleichtert fest, dass der Hund offensichtlich irritiert war, er drehte sich im Wasser und suchte sein Opfer. Aber er hatte ihn rasch wieder entdeckt und nahm die Verfolgung erneut auf. Wegtauchen war auch kein Ausweg, es würde die sichere Katastrophe allenfalls für kurze Zeit verzögern.

Doch überraschenderweise lähmt ihn die nun übermächtig gewordene Angst nicht, im Gegenteil, sie mobilisierte seinen Verstand und seine Kräfte und trieb ihn zum Handeln. Er sah nur noch eine Möglichkeit, dieser gefährlichen Situation zu entkommen. Er strampelte heftig mit Armen und Beinen und wirbelte dabei das Wasser mächtig auf. Der Hund wich zurück. Dann atmete er einige Male tief ein und aus, holte schließlich soviel Luft wie seine Lunge fassen konnte und tauchte erneut. Er schwamm aber diesmal nicht davon, sondern direkt auf den dunklen Körper zu, den er in dem grünen Wasser über sich deutlich sah. Nach zwei, drei Zügen hatte er sein Ziel erreicht, packte den Hund an den Hinterbeinen und zog ihn unter Wasser. Er musste kräftig ziehen, das Tier bot ihm heftigen Widerstand. Er fürchtete, dass er ihn unter Wasser beißen würde, aber das war nicht der Fall. Er zog und zog bis seine Lunge zu platzen drohte, dann ließ er los, tauchte auf, keuchte, spuckte Wasser und atmete die frische Luft tief ein. Der Hund blieb verschwunden. Langsam schwamm er zurück an das Ufer.

Das Mädchen weinte und sah ihn voller Wut an. „Was haben Sie mit Billy gemacht. Er war doch noch so jung und wollte nur spielen.“ Er stieg aus dem Wasser. Seine Knie wackelten, er war von der Angst und der Anstrengung benommen und hatte zugleich ein schlechtes Gewissen. Um seine Feigheit zu rechtfertigen, murmelte er etwas von Köter, Bestie und Lebensgefahr. Dann trocknete er sich ab, zog sich an und fuhr mit seinem Fahrrad davon. Das Mädchen kauerte am Ufer und weinte. 

 

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