Kettenbrücke

Das warme Wasser tat nach dem anstrengenden Tag gut. Er hatte es genossen, entspannt Runde für Runde in dem großen Becken der Jugendstilhalle des Hotels zu drehen und sich die Säulen, die Skulpturen, das Dekor der Wände ausgiebig anzuschauen. Er hatte die alten Männer beobachtet, die in einem kleinen Nebenbecken, bis zum Hals im Wasser, Schach auf schwimmenden Brettern spielten. Immer wieder guckte er den jungen, hübschen Frauen nach, die in gewagten Bikinis oder in Badetücher gehüllt über die Marmorfliesen schritten und nach lohnenden Kontakten Ausschau hielten. Ihr Lächeln war verhalten, ihre Blicke dezent herausfordernd, gerade so, dass es nicht als offensichtliche Anmache ausgelegt werden konnte. Aber vermutlich waren die dezenten halb versteckt im Hintergrund wartenden Herren, die unendlich viel Zeit zu haben schienen, ohnehin eingeweiht oder gar die Strippenzieher der angestrebten Fraternisierungen. Nachdem er diesen Blicken widerstanden hatte, lag er nun auf einem wohlig warmen Steintisch und ein bärtiger Masseur, ein kariertes Handtuch um die schmalen Lenden geschlungen, durchwalkte seine Oberschenkel, seinen Po und seinen Rücken und murmelte pausenlos, welche Schnäppchen der verehrte Gast für seine begehrten Devisen „erwäärben könne - Zigaretten, Marillenschnaps, original Salami aus der Puschta oder ächt beehmische Krischtallglääser“.  

Er war geschäftlich in Budapest und es war die Zeit des real existierenden Sozialismus, des kalten Kriegs, des eisernen Vorhangs, der den revolutionär dahinsiechenden Osten vom dekadenten, kapitalistischen Westen trennte. Sein Zimmer war im Gellert, das in dieser grauen, eintönigen Welt, die nach Zweitakterabgasen und Desinfektionsmittel auf Karbolbasis roch, den Charme der glanzvollen k-u-k-Zeit bewahrt hatte. Er fühlte sich wohl, genoss das vorzügliche Essen, die aufmerksame Bedienung, das Baden in den Art-nouveau-Gewölben, die Massage durch den bärtigen Chefmasseur und nahm sogar die Pediküre in Anspruch, die zu einem Spottpreis gebucht werden konnte. Seine Geschäfte waren gut, das heißt wie geplant verlaufen. Er war mit sich und der Welt zufrieden und wollte den letzten Abend noch voll genießen, doch dazu brauchte er ein paar Forint, sein beim Eintreffen umgetauschtes Kontingent war nahezu vollständig ausgegeben. Doch statt nun seine begehrten D-Mark in einer Bank oder an der Rezeption des Hotels zum kümmerlich niedrigen, offiziellen Wechselkurs zu tauschen oder wenigstens einen der Kellner auf das WC zu begleiten, die ihm zwischen Suppe und Schweinebraten den aktuellen Schwarzmarktkurs zuflüsterten, wollte er den Geldtausch auf der Straße ausprobieren. Er war bei seinen Gängen durch die Straßen permanent angesprochen worden, rasch, heimlich, im Vorbeigehen und die jungen Männer, es waren ausschließlich junge Männer, hatten ihm unglaubliche Kurse genannt. Die Gier trieb ihn an und er hoffte, am Schluss der Reise noch ein besonderes Schnäppchen machen zu können.

An einer stillen, dunklen Straßenecke kamen zwei junge Burschen auf ihn zu und nannten ihm ungefragt, in der sicheren Annahme, er könne an einem solch klandestinen Ort nur Geld tauschen wollen, einmal mehr den phantastischen Kurs. Im selben Moment gingen zwei andere junge Männer an ihnen vorbei, schauten leicht spöttisch auf die drei und sagten etwas, das wie „Achtung Dina“ klang. Er hatte keine Ahnung, was sie damit meinten. Die beiden Typen hatten mittlerweile ein Päckchen ungarischer Banknoten herausgezogen, blätterten es durch und zählten ihm die Summe, die er für einhundert Mark erhalten sollte, schön langsam und deutlich vor, alles stimmte exakt. Sie waren enttäuscht, als er ihnen jedoch sagte, dass er nur zwanzig tauschen wolle, das reiche ihm für ein gutes Abendessen. Sie zogen flugs ein neues Päckchen aus der Hosentasche, ihm schien fast, dass es der Größe nach dasselbe war und zählten erneut. Dabei späten sie vorsichtig um sich, ob kein verdächtiger Staatsbeamter in Zivil in der Nähe war, immer bereit gegebenenfalls rasch im Dunkeln zu verschwinden. Nachdem er sich versichert hatte, dass die Summe auch für das neue Angebot stimmte, holte er aus seinem Portemonnaie einen Zwanziger hervor. Der Austausch ging dann blitzschnell vonstatten. Der eine Bursche entriss ihm die grüne Anette von Droste-Hülshoff und drückte ihm dafür das abgezählte Bündel in die Hand, dann rannten beide los und waren im Nu in den engen Nebenstrassen verschwunden. Dieses Verhalten kam ihm etwas seltsam vor und als er das Geldbündel genauer ansah, merkte er, dass nur das Deckblatt eine Forintnote war, der Rest waren wertlose jugoslawische Dinare und jetzt verstand er auch die Warnung. Erst ärgerte er sich, doch dann nahm er das Geschehen hin, wie es nun einmal war. Das war halt sein Eintrittsgeld für die Stadt und der Preis für eine nützliche Lebenserfahrung. Es war ein lauer, schöner Frühlingsabend, er ging auf die Kettenbrücke und in der Mitte, zwischen Buda und Pest, ließ er einen Dinarschein nach dem anderen in die Donau flattern.

Für das Abendessen in einem schicken Restaurant musste er dem Kellner etwas mehr als die veranschlagten 20 Mark hinblättern. Aber das Essen war gut und er lauschte den einschmeichelnden Klängen einer Soloklarinette, die ein Zigeuner, ein Ausdruck den man zu dieser Zeit noch ohne Schamgefühl verwendete, für eine Hochzeitsgesellschaft im Nebenraum zum wirklich allerbesten gab.

Zum Schluss des alles in allem gar nicht so unangenehmen Abends ging er in die Bar seines Hotels, dort konnte man natürlich direkt mit Devisen bezahlen. Die Bar war fast leer, nur in einer Nische saß eine Gruppe, die durch lautstarkes Reden und Lachen auf sich aufmerksam machte. Es waren drei Deutsche, die mit einer Frau zusammen waren, wahrscheinlich einer Bardame oder eine der zbV-Damen, zur besonderen Verwendung. Sie hatte, wie er im Halbdunkel der schummerigen Bar erkennen konnte, rote Haare, ein sehr weißes Gesicht mit grell rot geschminkten Lippen und hatte ein farblich passendes, knallrotes Cocktailkleid an, das sehr kurz und sowohl vorne als auch hinten tief ausgeschnitten war und einen recht mageren Busen kaum verbarg. Die drei Männer, offensichtlich Geschäftsleute in dunklen Anzügen, waren in bester Stimmung. Der Wortführer, vermutlich der Chef der Gruppe, ein dicker, großer Mann mit hochrotem Gesicht und Halbglatze erzählte laufend Witze und seine Kollegen lachten wiehernd und auch die Bardame kreischte immer wieder laut auf. Auf dem Tisch standen einige leere Flaschen und aus einem Sektkühler ragte der Hals einer weiteren. Der Dicke hatte die Bardame voll im Griff, das heißt er fingerte pausenlos an ihr herum, steckte seine Hand mal in den vorderen, mal in den Hinteren Ausschnitt oder zwickte sie in den Po, was sie wiederum zu einem lauten Gekreische veranlasste. Nur als er seine Hand unter ihren Rock stecken wollte, wehrte sie ab und er ließ es bleiben. Der Chef bestellte beim Barmann „echte kubanische Zigarren, die besten, die du hast, hörst du“ und beauftragte dann die Rote, „den besten Cognac zu holen, den dieser Schuppen zu bieten hat. Geld spielt keine Rolle.“ Um das zu beweisen, zog er ein Bündel Forintscheine aus seiner Hosentasche, sicher ein kleines Vermögen für die Frau, rollte es zusammen und steckte es an der Glut seiner Zigarre in Brand. „Da, euer Scheißgeld, guck mal wie das abfackelt“ grölte er und warf die brennenden Scheine in den Aschenbecher. Diesmal lachten nur seine Begleiter, die Frau blieb stumm und zog sich hinter die Bar zurück, ohne den geforderten Cognac zu bringen. Nach einer Weile wurde es den Männer offensichtlich langweilig, sie standen auf, der Dicke rief „alles auf meine Zimmerrechnung“ und sie gingen schwankend und immer noch lärmend zur Tür.

Die Barfrau blickte ihnen wortlos nach, sie schien erleichtert zu sein und sah plötzlich gar nicht mehr jung und attraktiv aus, sondern alt und verbraucht und frustriert. Sie schaute in einen kleinen Taschenspiegel, fuhr ihre Lippen nach und ordnete ihre Haare. Dann sah sie ihn, der in einer Ecke saß und das unwürdige Schauspiel mit Ekel beobachtet hatte. Das professionelle Lächeln, die bezahlte Heiterkeit erschien wieder auf ihrem Gesicht, sie kam auf ihn zu und sagte in charmantem, ungarisch gefärbtem Deutsch „Na mein Sießer, willst du mir einen Drink spendieren? Was maachen wir denn noch zusammen? Wie ist denn deine Zimmernummer?“

 

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