Jesus liebt dich

 

Als er zum vierten Mal „Jesus liebt dich“ hörte, es klang sehr amerikanisch, so wie „Dschieses libt dick“, rastete er aus. Mit einer weitausholenden Bewegung wollte er den schlaksigen jungen Mann zum Schweigen bringen, wegscheuchen, ruhig stellen. Diesen geschniegelten Typ im schwarzen Anzug und weißem Hemd, mit grün-weiß gestreifter Krawatte, schwarzer Aktentasche und schwarzem Rucksack auf dem schmalen Rücken. Er wollte nichts mehr hören von Liebe und Erlösung, Glück und Frieden und auch nicht, dass Jesus ihn liebe. Er wollte einfach nur da stehen und warten bis der Zug endlich einfährt und anhält, um dann schnell, sehr schnell einzusteigen. Dann würde er sofort auf das Klo rasen, weil er ein inzwischen äußerst dringendes Bedürfnis hatte, die 50 Cent für das vollautomatische Bahnhofsklo aber immer noch sparen wollen.

Seine Laune war beschissen an diesem frühen Morgen. Er hatte einen wichtigen Termin und hatte ausgerechnet heute seinen Zug verpasst. Verpasst, weil die Straßenbahn gebummelt hatte, unverantwortlich gebummelt, eine Unverschämtheit, im Berufsverkehr so zu bummeln. Er stand jetzt völlig sinnlos und überflüssig vor dem Bahnhof und schlug die Zeit mit Warten tot, eine Stunde warten auf den nächsten ICE. Er stand direkt neben dem Bahnhofseingang und der strahlend schöne, unschuldige Morgen stand in krassem Widerspruch zu dieser, seiner üblen Laune. Er stand müßig herum und beobachtete die Menschen, wie sie von der Straßenbahn oder von den Bussen in den Bahnhof rannten, manche jedenfalls. Richtige Sprinter waren darunter, Schüler mit überdimensionierten Schultaschen, junge Frauen mit fliegenden Haaren, manche mit Kopftuch, aber auch ein alter Knacker mit Turnschuhen und knallrotem Rucksack musste rennen, um seinen Zug zu bekommen. Warum können die nicht einfach früher los, früher raus aus der warmen Falle? Er sah viele hübsche junge Mädchen, man sieht sie zu dieser Tageszeit, wenn sie auf dem Weg zur Uni oder in die Schule oder zur Arbeit sind. Tagsüber sind sie unsichtbar, verschwunden, aufgelöst. Aber am Morgen und am Abend ballen sie sich auf den Bahnhöfen, in den Zügen, den Bussen, den Straßenbahnen. Junge Männer natürlich auch, aber was interessierten ihn junge Männer. Eine, die es nicht eilig hatte, eine hübsche, sehr schlanke mit langen blonden Haaren, lächelte er verkrampft an. Ihr Blick, mit dem sie ihn bedachte, sprach Bände und trug nicht zur Hebung seiner Laune bei.

Er verließ seinen Stehplatz und fuhr mit der Rolltreppe in die Lobby, wie die Ansammlung von Geschäften, besser gesagt von Shops im derzeitigen Bahnjargon genannt wird. Bei Ditsch gab es duftenden Croissants, gleich daneben bei „Ihre Frisch Backstube“ konnte er coffee  to go für 1,00 € ordern. Eine junge Frau mit roter Schürze trug Stellwände und Auslagen vor die Tür von Nanu Nana und die eiligen Passanten hasteten auf ihrem Weg zum Bahnsteig noch rasch zu Relay, um die Bildzeitung mit dem Foto einer Amokläuferin zu kaufen. Bei Barberino lockte die Möglichkeit für ein paar Euro den Jackpot mit 8 Millionen zu knacken, aber heute war nicht Mittwoch und auch nicht Samstag und was sind schon 8 Millionen, keiner ging rein. Manche der Passanten hatten ihre eigenen Beförderungsmittel dabei, Klappfahrräder oder Aluroller mit winzigen Rädern. Er sah auf die Uhr, bald war die Wartezeit vorbei und er überlegte sich, ob er noch einen togo mitnehmen sollte, aber dann müsste er noch dringender aufs Klo und daher verzichtete er lieber.

Die letzte Viertelstunde wollte er auf dem Bahnsteig warten und da stand dieser schwarzgekleidete Mormone oder Mennonit oder Scientologe, egal, jedenfalls stand dieses geschniegelte und gebügelte Bürschchen plötzlich neben ihm und begann auf ihn einzureden. „Dschieses libt dick“ und dann viel von Sünde und Vergebung und vom Paradies, in das man komme, wenn man das tue, was Jesus sagte. Erst hörte er noch halbamüsiert zu, wagte das eine oder andere Argument dagegen, fragte nach, widerlegte, diskutierte, lächelte. Der Ami aus Georgia oder Utah fühlte sich durch sein Halbinteresse in seinem Missionsdrang bestärkt. Immer schneller, immer eindringlicher, zwischen schlechtem Deutsch und unverständlichem Englisch pendelnd, redete er auf ihn ein, versuchte ihn zu überzeugen, zu bekehren, einen glücklichen Menschen aus ihm zu machen.

Aber er, das Opfer, hatte bald die Nase gestrichen voll. Er wollte weder Jesus noch Paradies noch Erlösung, sondern nur seine Ruhe, endlich den Zug und immer dringender ein Klo. Aber wie wird man eine Klette los, eine Zecke, die Blut gewittert hat? Abwenden nützt nichts, ein „nein danke“, ein „shut up“ reicht auch nicht aus, wenn der Missionsdrang so übermächtig ist. Er suchte nach einem starken Argument, nach einem überzeugenden Signal, mit dem er nicht nur den penetranten Missionar los werden, sondern auch seine schlechte Laune, seinen Frust, seine latente Wut in die Welt hinausschreien konnte. Für den Mormonen kam der Ausbruch, die ausholende Geste mit beiden Armen, das wütende Gesicht, der überlaute Ton „Hau ab, du Arsch“ völlig unerwartet und er erschrak heftig. Bisher war dieser Mensch doch ganz friedlich gewesen, ja sogar interessiert, er hatte zugehört, hatte geantwortet und Fragen gestellt und sogar etwas gequält gelächelt. Dieser Angriff kam völlig aus dem Nichts und er wich instinktiv zurück, machte einen Schritt nach hinten, einen Schritt in die falsche Richtung. Sein entsetzter Schrei wurde durch den einfahrenden Zug übertönt.

 

Doch im letzten Moment packte ihn dieser irre Mensch am Arm, riss ihn aus dem Gefahrenbereich, schaute ihn entgeistert und erschrocken an und umklammerte ihn fest. So standen die beide tief atmend einen kurzen Moment lang dicht an dicht auf dem Bahnsteig. Die paar Leute, die das Geschehen beobachtet hatten, waren längst eingestiegen, die anderen, die aus dem Zug kamen, vorbei gehastet. Eine Stimme aus dem Lautsprecher forderte zum Einsteigen auf. Hastig gab der Irre den Missionar frei und drückte sich, um diesen Zug nicht auch noch zu verpassen, gerade noch durch die schon halb geschlossene Tür. Immer noch verwirrt und geschockt schaute der Zurückgebliebene dem Zug nach, der erst langsam und dann immer schneller an ihm vorbeiglitt und murmelte „Dschieses, Dschieses“.

 

 

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