Hundert Meter

 

Sie lag auf dem Bett des Hotelzimmers und verfolgte mit halbem Blick das Programm im Fernsehgerät. Müde von der Reise und aufgewühlt von den Eindrücken des Tages versuchte sie sich noch etwas auszuruhen, bevor sie mit ihrem Mann zum Abendessen gehen würde. Nach einer Weile verschwammen die Bilder auf der Mattscheibe und sie dämmerte vor sich hin, war jedoch hellwach, als sie erst laute Motorengeräusche und dann ein paar Schüsse hörte. Ihr erster Gedanke war, dass die Geräusche zu dem Film gehörten, aber es war nur ein Dokumentarfilm ohne Gewalt und Mord. Verwirrt stand sie auf, trat an das Fenster und schaute auf die kurze Straße, die von dem kleinen Hügel, auf dem das Hotel lag, hinab zur Uferpromenade führte und dann sah sie, wie ein Mann auf der Straße lag, wie er sich mühsam erhob und auf das Hotel zu wankte, die Kleider mit Staub bedeckt und auf dem Hemd ein roter Fleck, der immer größer wurde. Entsetzt schrie sie auf und klammerte sich an die Fensterbank.

Die kurze Reise zu Beginn des südlichen Frühjahrs war für beide außerordentlich wichtig. Es war der Versuch, ihre Beziehungen neu zu ordnen und wieder zueinander zu finden, nachdem sie sich im Laufe der Jahre weitgehend entfremdet hatten. Rückschläge in der gemeinsam betriebenen kleinen Firma, die sich daraus ergebende angespannte finanzielle Lage und die Suche von beiden nach Halt, Trost und Abwechslung in kurzen, unerfüllten Liebschaften hatten dazu geführt, dass sie, privat wie beruflich dicht vor der Scheidung standen. Doch dann tat sich unerwartet eine neue Perspektive auf, sie hatten Aufträge in Aussicht, die den vollen Einsatz beider erforderten. Getrieben von der Notwendigkeit sich rasch zu entscheiden, wollten sie auf dieser spontan gebuchten Reise, die auch der erste gemeinsame Urlaub nach langer Zeit war, herausfinden, ob sie die neuen Herausforderungen gemeinsam angehen könnten. Diese Reise, so ihr Wunsch und ihre Hoffnung, sollte den Anfang ihres neuen Lebens markieren.

Die Route, die sie in einem kleinen Geländewagen zurück legten, führte zunächst entlang der kurvenreichen, schwer befahrbaren Steilküste, dann ein kurzes Stück durch die Wüste, wo ihr Wagen dummerweise wegen Spritmangel liegen blieb und sie langen warten mussten, bis jemand kam und ihnen half, bis in den berühmten Nationalpark mit seinen gut ausgebauten Straßen, seinen spektakulären Landschaftsformationen und der üppigen Tier- und Pflanzenwelt. Sie saßen auf der Veranda einer komfortablen Lodge und fühlten sich wie in einer Erzählung von Hemingway, das Whiskyglas in der Hand, den Blick auf eine, gerade mal einen Steinwurf entfernte Wasserstelle. Dort herrschte reges Treiben, ein pausenloses Kommen und Gehen. Sie sahen Elefanten, Zebras und Gnus, Tiere, die sie aus Büchern oder dem Zoo kannten, aber leider keine Raubtiere. Als die kurze Dämmerung hereinbrach, die Tiere sich weitgehend verzogen hatten und die Moskitos immer lästiger wurden, gingen sie, zum ersten Mal seit langem wieder Händchen haltend, zum Dinner. Der Verlauf der Reise hatte sich in ihrer Beziehung gespiegelt. Nach der Phase der mühsamen, frustrierenden Gesprächen, den bitteren Vorwürfen, Unterstellungen und Trotzreaktionen, hatte sich die Stimmung gebessert, die Gespräche waren konstruktiver geworden, hatten sich von der Vergangenheit in die Zukunft gerichtet. Schließlich waren sie zu dem Schluss gekommen, dass es für beide von Vorteil sei, das Wagnis eines Neubeginns einzugehen. Ja mehr noch, ihr Interesse füreinander war wieder erwacht und sie schliefen sogar nach einer sehr langen Pause wieder miteinander. Alles schien sich zum Guten zu wenden und das erneute, gemeinsame Leben nicht nur ein Traum zu bleiben.
 
Das allgemeine Wohlgefühl wurde jedoch stark getrübt, als sie am vorletzten Tag der Reise in der großen Stadt ankamen, von der aus sie zurückfliegen würden. Der erste Eindruck, den sie erhielten, waren riesige Ansiedlungen armseliger Hütten entlang des Highways. Auch die vielen heruntergekommenen Wohnblocks, zwischen denen vereinzelt Ruinen von abgebrannten Häusern standen, trugen zu keinem besseren Eindruck bei. Die verkohlten Balken, die eingefallenen Dächer, die eingeschlagenen Fensterscheiben sahen gespenstisch und bedrohlich aus. In den besseren Wohnvierteln, in die sie schließlich kamen, irritierten sie die vielen hohen Mauern, die mit Stacheldraht und scharfen Glassplittern bewehrt und so hoch waren, dass man die Villen dahinter kaum sehen konnte. Im Zentrum schließlich waren die Eingangstüren der Geschäfte mit Eisenstangen, dicken Ketten und messingfarbenen Vorhängeschlössern doppelt und dreifach gesichert und alle Schaufenster hatten eiserne Rollläden oder schwere, dichte Gitter. Der Anblick der vielen Wachmänner in schwarzen Uniformen, die mit Gewehren oder Maschinenpistolen vor öffentlichen Gebäuden, Banken und Kaufhäusern standen, verursachten weitere Ängste und ein allgemeines Unbehagen. Angesichts all dieser negativen Eindrücke fiel es ihnen schwer, das Erfreuliche wahr zu nehmen, das es auch gab: die belebten Straßen, die vielen Geschäfte, die bunten Auslagen auf den Gehwegen, die vollen Straßencafés und Restaurants. Die Leute saßen müßig im Schatten der Markisen und Sonnenschirme, flanierten anscheinend unbekümmert oder gingen eilig ihren Geschäften nach.

Es wunderte sie nicht, dass auch vor ihrem Hotel, weit entfernt vom Zentrum, am Ende der berühmten Bay, ein Wachmann mit umgehängtem Gewehr stand. Der junge Mann am Empfang versicherte jedoch auf ihre besorgten Fragen, dass hier, in diesem ruhigen Viertel, alles in Ordnung sei, dass kein Anlass zur Besorgnis bestünde. Der Wachmann sei nur da, weil die Versicherung es vorschreibe. Hier sei man sicher, auf jeden Fall tagsüber, jedenfalls so lange es hell sei und so lange sich die Leute am Strand aufhielten oder promenierten. Ja, er wolle nicht leugnen, dass es in der Innenstadt ab und zu Probleme gäbe, verursacht von einigen Idioten, von Banden randalierender Jugendlicher oder von verrückten Einzelgängern. Und, ja, es komme schon vor, dass Touristen belästigt und sogar ausgeraubt würden. Es sei besser, Handtasche, Geldbeutel und alle Wertsachen im Hotel zu lassen und auf keinen Fall Schmuck zu tragen. Und, fast widerwillig, gab er den Rat, sich im Ernstfall, also bei einem Überfall, nicht zu wehren, sondern den Angreifern eine Banknoten zu geben, dann seien diese zufrieden und würden rasch verschwinden. Froh, dass sie keine weiteren Fragen zu dem unangenehmen Thema stellten, rühmte er dann die Schönheit seiner Heimatstadt, empfahl eine Stadtrundfahrt, die sie, dank seiner Beredsamkeit, für den nächsten Morgen buchten und pries die Qualität des hoteleigenen Restaurants so lange, bis sie schließlich einen Tisch reservierten.

Ein älterer Mann kümmerte sich um ihr Auto, zwei Boys nahmen ihnen das Gepäck ab, ein sehr dunkles, junges Mädchen in einem schwarzen Kleid und mit weißer, gestärkter Schürze servierte einen Willkommensdrink. Nachdem sie die Formalitäten erledigt und die Erfrischung genossen hatten, begleitete sie die Empfangsdame, eine attraktive, männerbetörende Schönheit – einen Moment lang bedauerte er, nicht allein hier zu sein - auf ihr Zimmer und erklärte ihnen die Funktion der Klimaanlage und des Badezimmers. Der Raum, im ersten Stock gelegen, war groß und sehr geschmackvoll eingerichtet. Das Beste war jedoch der phantastische Blick auf die Bay mit der Skyline der Hochhäuser, der jedoch leider von einigen Häusern der Stichstrasse, an deren Ende das Hotel lag, etwas eingeschränkt war. Das Angebot der jungen Frau die Koffer auszupacken und ein Bad vorzubereiten, lehnten sie dankend ab, nahmen nur das Notwendigste aus dem Gepäck, duschten und zogen sich um. Es war inzwischen später Nachmittag und das warme Licht der tief stehenden Sonne reizte ihn, Fotos von der Bucht und zu machen. Sie verneinte, als er sie fragte, ob sie mitkommen wolle. Sie sei von der Fahrt müde und wolle sich vor dem Abendessen lieber ausruhen. Er versprach, nicht lange zu bleiben und auf jeden Fall vor Sonnenuntergang zurück zu sein. Dann gab er ihr, auch dies ein Zeichen der neuen Zweisamkeit, einen Kuss und hatte das Zimmer schon verlassen, ehe sie ihm noch nachrufen konnte, er solle vorsichtig sein.

Von der Uferpromenade aus fotografierte er die beeindruckende Kulisse der Stadt, die nun ohne störende Gebäude vor ihm lag, die aufblitzenden Lichtreflexe der Sonne im Wasser, den langsam dunkel werdenden Abendhimmel mit dramatischen Wolkenbergen und unzähligen, unterschiedlichen Farbtönen in rot, orange und gelb. Er machte auch Bilder von den Menschen am Strand, von Kindern, die im Sand spielten, von jungen Pärchen, die versunken und aneinander geschmiegt dahin schlenderten – er wähnte sich einen Moment lang, in deren Situation zu sein, wusste aber, das dem doch nicht so war - und von gut angezogenen, oft auch gut aussehenden Senioren, vermutlich Touristen oder Rentner, die hier, fernab der kalten Heimat überwinterten und die in den zahlreichen Cafés saßen und wie er, den Sonnenuntergang genossen.  Als er genug gesehen und aufgenommen hatte, setzte er sich in eines der Straßencafés und gab sich der friedlichen Stille und seinen Gedanken hin. Er sah die Reise und die gemeinsame Zukunft mit seiner Frau in einem ähnlich rosigen Licht, wie das, das um ihn herum jedoch schon fast verblasst war. Denn erst als die Bedienung ihn bat, abkassieren zu dürfen und anfing, die Tische und Stühle mit dicken Ketten aneinander zu schließen, merkte er, dass der Strand leer und nur noch wenige Menschen auf der Straße waren, dass auch die meisten Geschäfte schon geschlossen hatten und mehrfach gesichert waren und dass die Sonne gerade unter den Horizont abtauchte. Er zahlte und fand es außerordentlich schade, dass sie nicht hier, an diesem traumhaften Ort zu Abend essen konnten.

Er ging zurück und als er gerade in die Straße einbog, die zum Hotel führte, hörte er hinter sich Motorengeräusche, die immer lauter wurden. Als er sich umdrehte, sah er wie zwei Autos dicht hintereinander auf der Uferpromenade, die eigentlich für den Verkehr gesperrt war, herankamen. Er blieb stehen, neugierig auf das, was da vor sich ging und hob seine Kamera, um dieses Geschehen festzuhalten. Aus den offenen Wagenfenstern lehnten sich die Oberkörper von Männern, die ihre Arme ausstreckten und in den Händen Pistolen hielten. Er dachte noch, das ist ja wie in einem Gangsterfilm und dann hörte er Schüsse und die Autos waren laut aufheulend schon an ihm vorbeigerast. Im selben Moment verspürte er einen heftigen Schlag auf die Schulter, der ihn in den Staub der Strasse warf. Doch erst als er Blut auf den Boden rinnen sah, begriff er, dass er von einer Kugel getroffen war und dann spürte er den dumpfen Schmerz in der Brust und die heftigen Stiche in der Lunge. Er hustete und spuckte Blut und fühlte sich plötzlich unendlich schwach und müde, zwang sich aber aufzustehen und zum Hotel zu gehen. Er torkelte und wankte und die hundert Meter bis zu seinem Ziel erschienen ihm unendlich lang. Als er schließlich die Eingangshalle erreichte, brach er zusammen.

Seine Frau stürzte aus dem Fahrstuhl, sah ihn in einer großen Blutlache auf dem Boden liegen, rannte auf ihn zu, schrie seinen Namen, weinte, beugte sich erst zu ihm hinab, kniete sich dann nieder, nahm seinen Kopf in ihre Hände und ihre Tränen rannen auf sein Gesicht. Später erfuhr sie, dass sich zwei rivalisierende Banden ein Feuergefecht geliefert hatten und dass eine verirrte Kugel ihren Mann getroffen hatte, reiner Zufall, aber etwas ganz Normales in dieser Stadt. 

 

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