Hot and cold

 

Beim Anflug auf den Internationalen Flughafen tauchte die Maschine in die graue Suppe ein, die sich an diesem späten Herbstabend über Meer und Küste gelegt hatte. Beim Ausrollen sah er durch die tropfenbedeckten Fenster die ersten Lichter der Neuen Welt, die sich in den Wasserpfützen auf den Betonpisten spiegelten. Und  als er eine halbe Stunde später verloren und deprimiert mit seinem Koffer in der Ankunftshalle stand, fragte er sich, warum ihn dieses Land so ungastlich empfängt. Es war aber beileibe nicht der Regen, über den er sich ärgerte, es war sein eigenes Verschulden, das ihm zu schaffen machte. Warum hatte er nicht  nachgefragt, als die Hotelreservierung nicht bestätigt wurde? Warum hatte er sich darauf verlassen, in einer großen Stadt in einem zivilisierten Land jederzeit ein ordentliche Zimmer zu bekommen? Bei seinem Anruf im Sheraton, dem Hotel mit der vermeintlichen Buchung, wurde ihm kühl und knapp beschieden, dass eine Reservierung für ihn nicht vorläge und dass kein Zimmer mehr frei sei. Der zweite Anruf im Holiday Inn war informativer. Er erfuhr, dass an diesem Wochenende zwei Großereignisse in der Stadt stattfänden, ein nationaler Lehrerkongress mit vielen Teilnehmern aus allen Bundesstaaten und das Endspiel um den Super Bowl im Football, das sportliche Großereignis schlechthin. No chance for a room, honey. Jedes Hotelzimmer, jede Absteige, jedes Privatquartier sei schon seit Wochen belegt. Er solle doch in die nächste Großstadt fliegen oder sicherheitshalber lieber weiter weg, so die mitleidende Stimme am Telefon, die dann noch halb ironisch, halb ernst gemeint hinzufügte, er könne sich ja auch für zwei Nächte einen der komfortablen Sesseln im airport reservieren und mit dem kümmerlichen Trost endete, dass ab Sonntag, mit Sicherheit aber ab Montag, Zimmer wieder verfügbar seien.

Keine der beiden Aussichten war verlockend. Weder die auf einen späten, teuren Flug mit ungewissem Ziel und Ausgang - flog überhaupt um diese Zeit noch eine Maschine irgendwohin? Noch die auf zwei Nächte in der Flughafenhalle - war das Terminal überhaupt die ganze Nacht geöffnet? Internationaler Flughafen hieß ja noch lange nicht internationale Maßstäbe. Und komfortable Sessel hatte er keine gesehen, nur unbequeme Metallbänke. Diese Überlegungen und der Ärger über seine Unbedarftheit ließen ihn so unglücklich und hilflos aussehen, dass ihn ein Mann, eine der letzten Personen, die überhaupt noch in der Halle waren, ansprach. Er heiße Joe und er habe ihn beobachtet und ob alles in Ordnung sei. Are you o.k? Die Standardfrage in unzähligen Hollywoodfilmen. Der Mann sah nicht gerade sehr vertrauenserweckend aus. Unförmige, viel zu große Jeans hingen ihm halb auf den Knien, ein kariertes Hemd spannte sich über eine beträchtliche Wampe, darüber trug er eine abgeschabte, schmuddelige Lederweste. Die Haare waren von undefinierbar dunkler Farbe, schulterlang und fettig, das Gesicht rot, aufgedunsen und mit Drei-Tage-Bart. Doch die Augen blickten freundlich und die nächste Frage - can I help you? - war ihm in dieser Situation höchst willkommen.

Joe brachte ihn mit seinem Pick-up in ein Hotel, ganz in der Nähe des Sheraton und des Holiday Inn. Es lag zwar nur wenige Blocks von den total ausgebuchten Spitzenherbergen entfernt, jedoch in der falschen Richtung. Nicht in Richtung avenues und shopping malls, sondern in Richtung Hafen, Lagerhallen und Industriegebiete. Zum Glück aber immer noch in einer Gegend, die man mit einigem good will als Stadtmitte bezeichnen konnte. Das Hotel, ein vierstöckiges, dunkles Gebäude, umgeben von weiteren dunklen Backsteinhäusern mit kleinen Geschäften, Delis, Tante-Emma-Läden und billigen Restaurants in den Erdgeschossen machte schon beim Näherkommen auf sich aufmerksam. Die rote Neonschrift „Hotel Las Vegas“ leuchtete in die Nacht und spiegelte sich zusammen mit anderen bunten Farbklecksen auf dem nassen Asphalt, denn der Regen hatte immer noch nicht aufgehört. Ob nomen wohl omen ist, fragte er sich, als Joe seinen Pick-up direkt vor dem Eingang abstellte. Die Straße war sehr breit, eine vierspurige Ausfallstrasse, aber um diese Zeit kaum befahren. Auffallend viele der geparkten Autos waren ältere Modelle, die ihm zudem im Schein der wenigen Straßenlampen angerostet und verbeult vorkamen. Auch die Gehsteige waren leer, bei diesem Vetter ging niemand freiwillig auf die Straße. 

Der Mann an der Rezeption blätterte umständlich in einem dicken Buch und blickte mehrfach über den Rand seiner Brille auf das leere Schlüsselbrett hinter sich, ehe er sagte - Glück gehabt Sir, ein Zimmer ist noch frei. Dann räusperte er sich etwas verlegen und fuhr fort - aber es ist nicht aufgeräumt und das Zimmermädchen ist nicht mehr da. The maid has gone, no service tonight. Wenn der geschätzte Gast es dennoch nähme, gäbe er ihm Rabatt, natürlich nur für die erste Nacht. In seiner bescheuerten Lage hatte er keine Wahl und stimmte sofort zu, erleichtert, dass  weiteres, langwieriges Suchen nicht mehr erforderlich war. Das Zimmer lag im ersten Stock und war recht groß. Ein Deckenventilator mit braunen Teakholzflügeln hatte lautlos zu kreisen begonnen, als der Portier die Beleuchtung, eine schwache Glühbirne in einem blumenförmigen Glaskelch, einschaltete. Es ist zumindest ruhig hier, dachte er, als sein Blick durch das einzige Fenster über die hohe, nur ein paar Meter entfernte Backsteinmauer des Nachbarhauses wanderte, an der sich eine Feuerleiter in die Höhe rankte. Der schmale Hinterhof diente als Müllsammelplatz, denn neben einigen Blechtonnen lagen graue Plastiksäcke und Stapel platt gefalteter Pappkartons.  Kein schöner Anblick, in der Tat, aber es war Nacht und es regnete. Wozu brauchte er da ein Zimmer mit Aussicht? Ein großes französisches Bett nahm den größten Teil des Raums ein. Es war, neben einem Wandschrank, das einzige Möbelstück und es war zerwühlt. Auch das Bad war groß, ausreichend groß für die mächtige Badewanne auf gusseisernen Füßen mit den altertümlichen Armaturen. Auf den emaillierten Wasserhähnen stand hot and cold. Dieselben Armaturen fanden sich auch an dem Waschbecken, das an der Wand hing. Auf der Glasablage vor einem halbblinden Spiegel lagen eine unangebrochene Seifenpackung und ein rosa Shampoofläschen. Zwei benutzte Handtücher, die auf dem Fußboden lagen, störten die ansonsten saubere Ordnung des Raums. Der Portier tauschte sie gegen zwei frische aus, die er vorsorglich mitgebracht hatte. I am very sorry - entschuldigte er sich nochmals - aber der letzte Gast ist gerade erst ausgezogen, nur deswegen ist das Zimmer überhaupt noch frei. And the maid, she is at home at this time. Dann nahm er dankend ein Trinkgeld entgegen und verließ das Zimmer. Der Koffer, den der Portier neben den Schrank gestellt hatte, blieb stehen. Auspacken konnte er ihn später, wenn sich das für zwei Nächte überhaupt lohnen würde. Dann holte er die beiden Handtücher aus dem Bad und legte sie als Lakenersatz auf das Bett. Dabei schlug ihm ein eigenartiger Geruch entgegen, der Geruch eines herben Parfüms. Er konnte Düfte nicht gut unterscheiden oder benennen, aber die Herbheit dieses Parfüms nahm er zweifelsfrei wahr.

Kurz danach saß er mit Joe in einer Nische des Hotelrestaurants, auf roten, grob genoppten Plastiksitzen, umgeben von Spiegeln in Messingfassungen, auf alt getrimmte Reklametafeln für Coca-Cola – ice-cold sunshine - und Lucky Strikes – be happy go lucky - aus Email und einer Tischlampe im Jugendstildekor. Er hatte riesige Steaks bestellt, die mit Massen an gedünsteten Zwiebeln und leicht angekokelten Bratkartoffeln serviert wurden. Ein kaum definierbarer Salat aus grün-rot-gelben Zutaten ertrank in einem milchigen Dressing. Die Portionen hätten ausgereicht, um mindestens vier ausgehungerte Mäuler zu stopfen. Dazu brachte ihnen Minnie, so hatte sich die Bedienung vorgestellt, zwei große Gläser Cola, die zur Hälfte mit geschreddertem Eis gefüllt waren. Kaffee, so Minnie, könnt ihr haben soviel wie ihr wollt. Joe war happy, nicht nur wegen des Essens sondern auch wegen Minnie. Denn Minnie, eine zierliche Person, im schwarz-weißen Dress der Bedienungen, besaß einen mächtigen Busen, der für eine so kleine Frau viel zu groß war. Die oberen Knöpfe ihrer weißen Bluse waren geöffnet, vielleicht ließen sie sich gar nicht richtig zuknöpfen und die beiden sauber proportionierten Hügel mit dem tiefen Tal dazwischen zogen die Blicke der beiden Gäste magisch an, weg von den dampfenden Fleisch-, Zwiebel- und Bratkartoffelmassen und den beschlagenen Gläsern mit der braunen Brühe. Sie hatten geglotzt, als Minnie die Bestellung aufnahm, als sie die Teller vor sie hinstellte und sie glotzten bei jedem Kaffee, den sie nachschenkte, denn jedes Mal, wenn Minnie an ihren Tisch kam, selbst nur um zu fragen, ob alles recht sei und ob sie noch weitere Wünsche hätten, wusste sie ihre Reize zur Geltung zu bringen. Und Minnie kam oft vorbei, denn das Lokal war nur mäßig besetzt.

Joe, nach mehreren Kaffees und einer üppigen Eisbombe in giftigen Farben, hatte sich verabschiedet und ihm alles Gute für seinen Aufenthalt gewünscht. Enjoy your stay, don’t work too hard. Minnie räumte ab, beugte sich dabei ganz tief über den Tisch und fragte - do you need anything else to be happy? Er verstand zwar die Worte, wusste aber nicht so recht, was sie meinte. Genug zu essen und zu trinken hatte er ja bekommen und ein Zimmer hatte er auch, was wollte er mehr. Er sagte yes, I am happy, ließ die Rechnung anschreiben und gab ihr ein reichliches Trinkgeld, das sie selbstverständlich mit einem knappen thank you in der Tasche ihrer schwarzen Schürze verschwinden ließ. Er wollte noch eine Runde um den Block drehen, der Jetlag würde eh verhinderte, dass er jetzt schon schlafen konnte und das Zimmer war ja alles andere als einladend. Der Portier, den er um einen Regenschirm bat, warnte ihn. Er solle vorsichtig sein, nachts sei die Gegend nicht so gut, tags über no problem, but in the night, you know, be careful. So gab er sein Vorhaben auf, zumal es immer noch regnete, nicht mehr so heftig, aber anhaltend und ging nur über die  Straße in ein MacDonald. Auch dieses Lokal war fast leer, bis auf zwei Tische. An einem saßen ein paar junge Männer, eher noch Buben, die lautstarke Gespräche führten, andauernd lachten und den Fast-food-Abfall großzügig um sich herum verbreiteten. An dem anderen Tisch saß eine junge Frau in einem grauen Regenmantel, vor sich einen Pappbecher, daneben lag ein winziges rotes Handtäschchen. Er holte sich eine Cola, noch nie hatte er so oft und so eiskalte Colas getrunken, ein Gesöff, das er eigentlich gar nicht mochte, aber auch hierzu gab es kaum Alternativen und steuerte einen Tisch in ausreichender Entfernung von den grölenden Jugendlichen an. Die junge Frau hatte, als er dicht an ihr vorbei ging, nicht aufgeschaut und er konnte ihr Gesicht hinter dem Vorhand ihrer langen, dunkelblonden Haaren nicht sehen, doch er hatte etwas wahrgenommen, dass er zu erkennen glaubte. Es war derselbe herbe Geruch, der ihm aus dem ungemachten Bett seines Zimmer entgegengeströmt war. Er setzte sich, trank die Cola in kleinen Schlucken und sah sich in dem kahlen Raum um. Dann blieb sein Blick an dem Mädchen hängen, das den Kopf gesenkt und auf die Arme gestützt hatte und er starrte sie ungeniert an. Nach einer Weile hob sie den Kopf, wischte sich die Haare aus dem Gesicht und blickte ausdruckslos zurück. Sie schien müde oder traurig zu sein, denn sie gähnte, senkte den Kopf wieder, der hinter dem Vorhang aus Haaren verschwand und versank erneut geistesabwesend in der Betrachtung des Pappbechers. Doch der kurze Anblick eines aparten, strengen Gesichts, das nicht ausgesprochen schön, aber anziehend war und dieser kurze Blick, den sie ihm zuwarf, hatten ausgereicht, um ein Kribbeln in seinem Bauch zu verursachen. Als sie sich nicht weiter rührte und nur ab und zu gähnte, steckte sie ihn mit ihrer Müdigkeit an, die eben noch so fern zu sein schien. Rasch trank er die Cola aus und ging zurück in sein obskures Hotel.

Am nächsten Morgen weckte ihn das knarrende Geräusch der sich öffnenden Zimmertür. Er blinzelte und erschrak, denn direkt neben seinem Bett stand eine sehr füllige Schwarze in einer Art weißem Nachthemd, in dem sich ein mächtiger Busen abzeichnete. Sie lächelte gutmütig, als sie bemerkte, dass er wach war und ließ ihn wissen, dass er aufstehen solle, weil sie das Bett machen und das Zimmer aufräumen müsse, ja, jetzt gleich. Dann warf sie ein Bündel frischer Wäsche, das sie über der Schulter getragen hatte, auf das Fußende. Ich komme in zehn Minuten wieder, please hurry up, sagte sie und schob sich wieder aus dem Zimmer. Was blieb ihm anderes übrig, als aufzustehen und sich auf das Frühstück zu freuen. Diesmal servierte ihm Minnie einen Berg Rührei mit Kartoffelbrei. Wie er geschlafen habe. Allein? Und was er heute vor habe. Sie sei leider beschäftigt, sonst würde sie ihm gerne als Fremdenführerin dienen, sie kenne sich in der Stadt gut aus. Der Tag ging auch ohne die kundige Führung von Minnie vorüber, mit Besichtigungen, Museen, window-shopping und Hafenrundfahrt. Das Wetter war erstaunlich gut geworden und die klare, gereinigte Luft bescherte ein sagenhaftes Licht. Es war angenehm mild und ihm schien, als wolle ihn die Stadt für das Ungemach des gestrigen Abends trösten.

Nachdem die beginnende Dunkelheit seiner Stadterkundigung ein Ende bereitet hatte, saß er wieder auf den roten Plastiksitzen, diesmal vor einer Mischung aus Pilzen, Hackfleisch und Kroketten. Minnie leistete ihm ab und zu Gesellschaft, jedoch recht selten, denn heute herrschte viel Betrieb. Doch immer wenn sie vorbeikam, konnte sie ihre Neugier kaum zügeln. Wo er herkomme, was er hier mache, ob ihm die Stadt gefalle, was er heute besichtigt habe. Nachdem er seinen Teller mit Mühe geleert und ihre Frage, ob er Nachschlag wolle, verneint hatte, wurde sie sehr persönlich, ja geradezu indiskret. Ob er verheiratet sei, ob er Kinder habe, welchen Beruf er ausübe und was er verdiene. Noch vor dem Kaffee machte er dem lästigen Verhör ein Ende und wagte sich diesmal doch auf die Avenue. Es war Samstagabend, viele Leute waren unterwegs, was sollte da schon passieren? Als er am Ende seines Rundgangs wieder bei MacDonalds eintrat, um den verpassten Kaffee zu trinken, war es auch hier richtig voll. Alle Tische waren besetzt und er suchte, mit seinem Pappbecher in der Hand, einen freien Stuhl, den er schließlich in einer Ecke ausmachte.

Überrascht stellte er fest, dass an dem Tisch, den er ansteuerte wieder das Mädchen vom Vorabend saß. Er hatte sie erst gar nicht erkannt, denn heute trug sie keinen Regenmantel, aber das rote Täschchen lag wieder auf dem Tisch und sie war diesmal weder müde noch geistesabwesend noch traurig. Sie nickte, als er fragend auf den freien Stuhl deutete, strich sich die Haare zurück und lächelte ihn an. Als er neben ihr saß, roch er auch wieder das herbe Parfüm, obwohl es aus seinem Zimmer verschwunden war, nachdem die schwarze Mammie die Bettwäsche gewechselt hatte. Aus dem Zimmer war der Duft verschwunden, nicht jedoch aus seinem Gedächtnis. Er nippte an seinem Kaffee und betrachtete sein Gegenüber. Sie war stark geschminkt, viel Rouge auf den Wangen, den breiten Mund sorgfältig mit einem grell-roten Lippenstift bemalt und die Augen kleine Kunstwerke, aus Lidschatten, falschen Wimpern und gezupften Brauen. Nur ihre platinblonden Haare irritierten ihn, sie waren ihm als dunkelblond in Erinnerung. Das Mädchen hatte nicht nur in ihr Make-up investiert sondern auch in zahlreiche, ausladende Schmuckstücke, die sie zu einer wandelnden Boutique machte. An den Ohrläppchen baumelten lange, wippende Hänger, um den Hals wanden sich Ketten aus Silbermünzen, Korallen und bunten Plastikkugeln, an beiden Armen trug sie Reifen wie eine Nubafrau, die eine große Rinderherde ihr eigen nannte und an allen Fingern steckten Ringe, schmale und breite, schlichte und aufwändige, einige mit bunten Steinen, andere mit sperrigen  Applikationen. Diese Hände, die ständig nervös mit einem leeren Pappbecher spielten, waren ziemlich groß, etwas zu breit und für seinen Geschmack und auch etwas zu knochig, doch die langen Fingernägel waren so sorgfältig geschnitten und sauber lackiert, dass er annahm, das es falsche, aufgeklebte waren. In ihrer Garderobe war sie zurückhaltender. Das schlichte, zitronengelbe Kleid mit Blümchenmuster, hochgeschlossen und mit halbem Arm, erschien ihm sehr aus der Mode gekommen, aber vielleicht war es gerade deswegen schon wieder in. Wie dem auch sei, er musste es jedenfalls ständig anstarren. Das lag aber weder an dem Schnitt noch an der Farbe noch an den Blümchen sondern an dem großen Busen, der sich durch den dünnen Stoff abzeichnete. Alle Frauen, mit denen er hier zu tun hatte, schienen große Brüste zu haben. Doch dieser hier war nicht nur groß sondern auch perfekt geformt, ein Busen nach Maß, ein echter Blickfang.

Sie kamen rasch ins Gespräch und er stellte schon bei ihren ersten Worten bedauernd fest, dass sie erkältet war, denn sie sprach sehr leise, sehr heiser und sehr wenig und wenn sie sprach, lispelte und nuschelte sie auch noch, so dass er sie kaum verstehen konnte. Da auch er kein Freund großer und vieler Worte war, reichte das wenige, was sie sich zu sagen hatten aus, um sich näher zu kommen. Und so fand er ihre Idee, auf sein Zimmer zu kommen, ganz gut. Das sei kein Problem, sie kenne die Leute im Hotel Las Vegas, die seien o.k. Wir werden einen sehr schönen Abend miteinander haben, believe me, und wenn du willst, bleibe ich die ganze Nacht. Ich bin gut. I will do a good job, honey. Und wenn wir fertig sind, gibst du mir ein Geschenk. Welche Zimmernummer hast du? Geh schon vor, ich komme nach.

So gingen sie zeitversetzt über die Straße. Als sie leise an seine Tür klopfte und eintrat, sah er sie zum ersten Mal in voller Größe. Sie war größer als er dachte, mindestens so groß wie er selbst und sie war sehr schlank. Vielleicht lag es auch an dem schlecht geschnittenen, zitronengelben Kleid, dass Hüften, Hintern und die Taille kaum zu unterscheiden waren und nur der formidable Busen die weibliche Körperform betonte. Das Kleid endete eine Handbreit über den Knien und was er von den Beinen sah, war von dunklen Nylons bedeckt und auch nicht gerade sexy proportioniert. Dennoch waren auch die Beine bemerkenswert, vielmehr die Füße, denn diese steckten in grellroten High-heels, vorne gefährlich spitz und mit kriminell hohen Stilettoabsätzen, die das Mädchen noch größer machten, als es ohnehin war. Obwohl ihrer Figur die weichen, weiblichen Rundungen fehlten, von der phänomenalen Oberweite einmal abgesehen, fand er sie apart und anziehend. Sie hatte etwas an sich, das anders war, ungewöhnlich, genauso herb wie das Parfüm, das sie auch heute wieder verschwenderisch aufgetragen hatte. Er hatte sich, weil in dem Zimmer kein Stuhl war, auf das Bett gesetzt und schaute sie an. Sie genoss seine ungeduldig drängenden, aber auch etwas ängstlichen Blicke, bemerkte seine aufkommende Geilheit und steigerte seine Begierde, indem sie mit staksigen, unsicheren Schritten im Zimmer auf und ab ging, sich um die eigene Achse drehte, kräftig mit ihrem kaum vorhandenen Hintern wackelte und ihr winziges rotes Handtäschchen schwenkte. Dabei trällerte sie mit leiser, piepsiger Marylin-Monroe-Stimme eine ihm unbekannte Melodie und fuhr sich zwischendurch mit der Zunge über die grellroten Lippen, Anmache wie aus dem Bilderbuch. Er rutschte unruhig auf seiner Bettkante hin und her und sparte nicht mit Komplimenten über ihr Aussehen, ihr Outfit und ihren Sexappeal. Nachdem sie sich hatte ausgiebig bewundern lassen, stelzte sie mit einem vielsagenden Lächeln und der stereotypen Bemerkung, sich frisch machen zu wollen, in das Bad und schloss die Tür. Er zog Jacke und Schuhe aus, legte sich auf das Bett und dachte nach. Er war sich ziemlich sicher, dass sie in der letzten Nacht hier gewesen war, sie und der Gast, der so schnell das Zimmer verlassen hatte. Sie war, keine Frage, eine Nutte und das Hotel war zugleich eine Absteige, ein Stundenhotel. Aber das störte ihn nicht, im Gegenteil, er genoss die Situation, die Erwartung, die Vorfreude, die Geilheit, die ihn als wohltuende Hitze durchströmte.

Aus dem Bad drang leises Klirren, vermutlich legte sie ihren Schmuck ab und nach einer Weile hörte er für ein paar Sekunden das Geräusch plätschernden Wassers, gerade so lang, wie man brauchte, um seine Blase zu leeren. Dann gurgelte die Wasserspülung und es war wieder still. Endlich öffnete sich die Tür und das Mädchen stand in Unterwäsche, den schwarzen Nylons und den High-heels seltsam verrenkt im Türrahmen. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, eine Hand bedeckte ihren Schoß, die andere ihre Brust. Sie lächelte verlegen, sehr verlegen. Als er sie eine Weile anstarrte, erregt und wollüstig, aber auch verwundert und ungeduldig, weil sie sich nicht vom Fleck rührte, wurde ihm schließlich die Ursache ihrer Verlegenheit klar. Ihr formidabler, verführerischer Busen war nicht echt, der rosafarbene BH war ausgestopft. Und als sie, geziert und geniert, schließlich zögernd auf ihn zukam, stellte er bei genauerem Hinsehen sogar fest, dass sie gar keinen Busen hatte und dann sah er auch den zweiten Grund ihrer Verlegenheit. Im Schritt ihres rosa Höschens zeichnete sich ein Fleischwulst ab, ein errigierter Penis, den sie mühsam mit ihrer Hand zu verbergen suchte. Ein Mann, ein Homo, ein Transvestit, ein Sheboy. Nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, die knochigen Hände, die verstellte Stimme, die unproportionierte, unweibliche Figur. Was war er nur für ein Idiot, der sich hatte linken lassen und dies erst jetzt merkte, jetzt, als sie fast nackt vor ihm stand und ihre wahre Natur nicht mehr verbergen konnte. Doch seltsamerweise ärgerte er sich kaum, er war zwar irritiert, aber nicht richtig ärgerlich, sondern eher amüsiert über die unerwartete Wendung und neugierig, wie es weitergehen würde. Er hatte sich noch nie, niemals in seinem Leben in einer derartigen Situation befunden. Für sie dagegen war es das tägliche Risiko. Sie wusste, dass Zorn und Ärger die normale Reaktion auf eine derartige Enthüllung war. Sie bettelte, nun mit normaler, tiefer Stimme, ohne Heiserkeit, ohne Nuscheln, ohne Lispeln, er möge sie nicht wegschicken, er möge doch nett zu ihr sein. Sie, er könne auch als Mann zärtlich sein und sie, er wolle es ihm beweisen und sie beide könnten es sich bestimmt gemütlich machen. 

Der Sheboy setzt sich auf die Bettkante und zog, da er sich nun nicht mehr verstellen musste, die Perücke ab, darunter kamen sehr kurze, braune Haare zum Vorschein, schnallte den BH mit den Silikoneinlagen ab, der ihn offensichtlich beengte und schlüpfte aus den höchst unbequemen Schuhen, behielt aber seinen knappen Slip und die Nylons an. Und dann begann er mit seinem Job. Er begann den regungslos daliegenden Mann zu streicheln und zu massieren. Sehr sanft, sehr zärtlich, dann wieder energisch und heftig, erst die Hände, dann die Wangen, die Stirn, die Haare. Schließlich begann er ihn auszuziehen, das Hemd, die Hose, das Unterhemd, die Socken bis er nur noch mit seiner Unterhose bekleidet war. Als der Sheboy schließlich neben ihm lag, schloss er die Augen und spürte die Arme, die sich um ihn schlangen, die flache Brust an seiner, die langen Beine auf den seinen und an seiner Hüfte spürte er den harten Penis in dem rosa Slip, der sich an ihm rieb. Sie lagen eine Weile da, eng aneinander geschmiegt, er nach wie vor stocksteif, dann begann ihn das Wesen zu küssen. Er war überrascht, wie zärtlich, ausdauernd und einfallsreich man geküsst werden konnte. Jetzt war es die Zunge statt der Hände, die über seine Wangen, seine Nase, seine Augen strich, in seine Ohren eindrang, schließlich seinen Mund fand und nicht mehr aufhörte, darin zu wühlen, zu schlängeln, sich zu winden, heraus und hinein zu fahren und sich an jeden einzelnen Zahn zu pressen. Die Lippen saugten sich an seinen fest, der fremde Speichel drang in seinen Mund und der heiße Atem in seine Lunge. Der rote Lippenstift verschmierte sich auf seinem Gesicht und erzeugte eine Art Kriegsbemalung. Als dieser gierige Mund, diese rastlose Zunge, die schmatzenden Lippen endlich genug von seinem Mund hatten, wanderten sie über seinen Hals, seine Schultern, seinen Brustkorb, seine Arme in Richtung seines Bauchs.

Das Kribbeln im Bauch und das Ziehen in den Lenden, das schon bei der ersten Begegnung mit der, für ihn eindeutigen Frau ganz sacht begonnen hatte, war deutlicher und stärker geworden, als er dicht neben ihr saß, ihr Parfüm roch, sie ihn anlächelte und beide die Modalitäten ihres weiteren Vorgehens verhandelten. Als sie schließlich verführerisch im Zimmer umherging und dann im Bad verschwand, war er richtig scharf geworden, richtig heiß. Um so schlimmer dann der Dämpfer, als er vom Baum der Erkenntnis kosten musste und sich ihre wahre Natur enthüllte, als schließlich ein Mann vor ihm stand. Als dann dieser Mann neben ihm lag und sich an ihn schmiegte, hatten Neugierde und Angst in ihm gerungen. Die seltsame Erregung, die dieses Zwitterwesen in ihm hervorrief, kämpfte gegen die deutliche Abneigung von einem Mann geliebt zu werden, denn er war alles andere als ein Homo, homophile Neigungen hatte er noch nie in seinem Leben in sich gespürt. Doch dann war die Angst immer stärker geworden, vor allem weil er nicht wusste, wie es nach dem intensiven, aufregenden Vorspiel weitergehen würde, wer Mann und wer Frau sein sollte. Er fürchtete sich davor, penetrieren zu müssen, aber auch penetriert zu werden und allein der Gedanke an eine vorzeitige Ejakulation, die er kaum noch zurückhalten konnte, bereitete ihm Pein und verdrängte seine Gier und seine Geilheit und ließ ihn schlaff und kalt werden.

Bevor also der Sheboy anfangen konnte, seine Unterhose auszuziehen und sein Glied als neues Objekt seiner Begierde mit den Händen und dem Mund zu bearbeiten, bevor er ihn auffordern konnte, selbst aktiv zu werden und ihn zu streicheln und zu liebkosen, hatten die Angst und die Kälte vollends gesiegt. Er konnte nicht mehr, schob den Jungen, der halb auf seinem Leib lag, von sich und richtete seinen Oberkörper auf. Keuchend presste er ein stop it, it’s enough über die Lippen. Der Sheboy hörte auf ihn zu streicheln und zu massieren und fragte verunsichert, was er falsch gemacht habe, ob ihm seine Zärtlichkeiten nicht gefielen. Nein, das sei schon o.k. beruhigte er ihn, er habe eine angenehme Erfahrung gemacht, aber jetzt sei es genug und er wolle allein sein und, ja doch, er würde ihm das versprochene Geschenk geben, keine Sorge.

Sie, nachdem sie sich wieder angezogen und neu geschminkt hatte und damit zurück in ihre weibliche Rolle geschlüpft war, kam nochmals an das Bett, auf dem er immer noch schlaff lag, gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange und sagte, sie sei sehr dankbar, dass er sie nicht gleich rausgeschmissen habe und ihr auch das versprochene Geschenk gegeben habe, obwohl sie gar nicht bis zum Ende gekommen seien. Das sie rausgeschmissen würde käme öfters vor, wenn die Kunden enttäuscht seien, aber wenn sie gleich ihre wahre Natur zu erkennen gäbe, würde kaum jemand mitkommen. Dann ging sie, wieder staksig und wackelig auf ihren High-heels, das Handtäschchen schwenkend zur Tür, drehte sich noch einmal um und bat ihn, dem Portier doch ein Extratrinkgeld zu geben und wenn er wolle, käme sie am nächsten Abend wieder. Aber den nächsten Abend würde er schon in seinem sterilen, reservierten Zimmer im Sheraton verbringen und statt Lebenserfahrung zu sammeln, ein langweiliges TV-Programm anglotzen.

 

 

 

Copyright: yupag 2011

 

x