Ein Fall von Geringfügigkeit

 

Er war mit dem Mietwagen unterwegs. In den Vereinigten Staaten. Sein erster Urlaub seit langem und der erste in diesem Land. Er hatte sich sehr auf diese Reise gefreut, auf die Durchquerung eines Kontinents. Als das Abenteuer im Schatten der Miss Liberty begann, war die Welt noch in Ordnung. Er fühlte sich jung und stark und der Herausforderung gewachsen, obwohl er weder jung und sein Körper schon lange nicht mehr stark war. Er genoss die Fahrt durch God’s own country, das langsame Dahingleiten auf den endlosen Highways in dem viel zu großen Auto. Er hatte sich einen alten Straßenkreuzer gemietet, einen Benzinsäufer mit Klima- und Stereoanlage mit echten Röhren. Er wollte ein road movie aus dem Kino der 50er und 60er Jahre nachempfinden. Easy rider, wenn auch im Auto statt mit dem Motorrad. Er wollte eintauchen, in die Zeit seiner Jugend, als der Wunsch nach einer solchen Reise groß, an eine Erfüllung aber nicht zu denken war. Er genoss den Himmel, die weiten Ebenen, die endlosen Horizonte, auf die der Blick durch keine Berge, keine Häuser, keine Bäume eingeschränkt wurde. Er fand Gefallen an der Einsamkeit der Landstrasse, die nur ab und zu durch Tramper, die er gerne mitnahm, wenn er Gesellschaft suchte, unterbrochen wurde.

Schon ziemlich am Anfang hatte er ein junges, dünnes Mädchen einsteigen lassen, die mit abgewinkelter Hüfte an einer Kreuzung stand und schüchtern winkte. Sie nannte sich Minnie oder Lilly, er hatte sich ihren Namen nicht gemerkt, es war jedenfalls  ein kurzer mit zwei i. Sie war schwarz, ziemlich dunkel sogar und hatte deutliche Lücken zwischen den großen, weißen Zähnen und die kurzen krausen Haar waren mit einfachen roten Gummis zu zwei abstehenden Schwänzchen gebunden. Sie hatte nur einen kleinen Rucksack dabei und ihre spärliche Kleidung, T-Shirt, Jeans, Sandalen war abgetragen und ziemlich schäbig. So wie sie aussah, wunderte es ihn nicht, dass sich beklagte, wie lange sie auf ein Auto hatte warten müssen und es wunderte ihn auch nicht, dass sie ihm ein paar Meilen später vorjammerte, sie brauche dringend ein paar Dollar. Er sah keine Veranlassung, einer flüchtigen Straßenbekanntschaft Geld zu geben, es müsste ja wohl reichen, dass er sie umsonst mitnahm und ihr eine Cola und Snacks anbot. Als sie aber nicht aufhörte, auf ihn einzureden, vieles verstand er gar nicht, da sie einen grässlichen Slang hatte, und ihm unvermittelt und unverblümt anbot, ihn mit Sex zu bezahlen, wurde er hellhörig. Es würde bestimmt schön werden, we will have a good time together, denn sie sei gut und liebe große weiße Männer, I love big white men, dabei wanderte ihre Hand seinen Oberschenkel hinauf. Und dass er schon älter sei, würde ihr gar nichts ausmachen, the age is no problem, old men are calm and gentle, alte Männer seien ruhig und nett, junge seien bescheuert, I hate these young gangsters. Das magere Mädchen, weder hübsch noch attraktiv, war zwar überhaupt nicht sein Typ, aber als sie begann, sich verführerisch auf dem Beifahrersitz zu räkeln und ihre spärlichen Reize einsetzte, um ihn scharf zu machen, gab er ihrem Drängen schließlich nach und bog vom Highway ab. Es war eine kurze, unbequeme und auch wenig befriedigende Begegnung auf der Rückbank, die zwar ausladend, aber immer noch zu eng war. Als sie an ihm herumfummelte und schließlich auf ihm lag, störte ihn ihr abgestandener zugleich scharfer Körpergeruch. Eine Dusche und frische Sachen hätten ihr sicher gut getan. Und er fürchtete die ganze Zeit, dass ein Polizeiwagen neben ihnen auftauchen und ein Sheriff ihn wegen Unzucht verhaften würde, durchaus denkbar in diesem Land der doppelten Moral. Es fuhr jedoch kein einziges Auto an ihnen vorbei. Dennoch war er war froh, dass sie schnell fertig waren und dass das Mädchen an der nächsten Tankstelle aussteigen wollte, vermutlich um ihr Glück bei einem anderen erneut zu versuchen.

Es sollte bei dieser kurzen Begegnung auf dem Rücksitz bleiben, denn die Tramper, die er danach mitnahm, waren entweder junge Männer oder sehr züchtige Mädchen, die nicht einmal den Gedanken an ein sexuelles Abenteuer aufkommen ließen. In den Ortschaften oder den Rastplätzen, in denen er sich ein Motel suchte, kam er, außer mit den Angestellten, kaum mit jemandem in Kontakt. Ab und zu wechselte er ein paar Worte in einem Fastfood. Die Menschen  waren meist freundlich, manchmal etwas träge und in der Regel ziemlich neugierig. Wo kommst du her, wo willst du hin, wie lange bist du hier? From Germany, how nice, my grand-father came from Hämbörg. Doch diese rudimentären Kontakte reichten ihm völlig und beeinträchtigten den Reiz seiner Nostalgiereise in keiner Weise. Im Gegenteil, er war froh seinen Träumen von Freiheit und Weite, von den legendären Trecks in den Westen und der Sehnsucht nach den unbekannten Räumen hinter den Horizonten ungestört nachgehen zu können. Er fand sogar die Städte, besser gesagt diese Ansammlungen von Häusern ohne Kern, ohne Gesicht, ohne Identität interessant, obwohl sie alle ähnlich und langweilig waren, sie waren interessant, weil sie für ihn neu und unerforscht waren. Er genoss sogar den eigenartigen, austauschbaren Charme der Motels in den Nichtstädten und die immergleiche Fastfood in den Nichtrestaurants am Wegesrand.

Die Reise war nun schon zur Hälfte vorüber und die Fahrt wurde schwieriger. Nicht wegen der Strassen, die nun nicht mehr schnurgerade von Ost nach West verliefen, auch nicht wegen der bergigen Landschaft, die zu Kurven in der Straßenführung zwang und so mehr Konzentration abforderte. Nein, es war wegen seines Wohlbefinden, das dahinschwand. Lag die Ursache dieses Umschwungs in einem unerkannten Bakterium, einem tückischen Virus, den er sich bei einem dieser austauschbaren Breakfasts, Lunches oder Dinners geholt hatte? War es ein Moskitostich, der sein Immunsystem angegriffen hatte oder der ständige Wechsel zwischen heißer Landstraße und kalten Restaurants, zwischen Klimaanlagen, die auf vollen Touren liefen und der knallenden Sonne? Oder war es doch diese Schlampe Minnie oder Lilly, die ihm etwas hinterlassen hatte, obwohl er einen Gummi verwendet hatte und in seinem Intimbereich nichts bemerkte? Oder war es doch der Tribut an die neue, ungewohnte Umgebung, die Umstellung, die sein Geist problemlos verkraftet hatte, aber nicht sein Körper? Er konnte die Ursache nicht orten, den Grund nicht finden, doch die Folgen plagten ihn zunehmend. Das anfänglich leichte Unwohlsein wurde immer deutlicher, immer ärgerlicher, immer peinigender. Die grandiose Landschaft der Rocky Mountains konnte ihn nicht faszinieren, das Fahren bereitete ihm Mühe, obwohl der Verkehr nur spärlich war, die Konzentration auf die vielen Kurven wurde zum Alptraum. Und in den so geschätzten Motels fand er kaum Schlaf. Zu der allgemeinen Schlaffheit kamen Atembeschwerden, Kopfschmerzen und Herzrasen, Symptome die er in dieser Form und Intensität bisher nicht gekannt hatte.

Als er in einer schlimmen Nacht zum wiederholten Mal schweißgebadet aufwachte und am Morgen ohne jegliche Erholung und ohne Lust auf die Weiterreise in seinem breiten King-size-Bett lag, beschloss er, einen Arzt aufzusuchen. Der alte Mann, der das Motel betrieb, empfahl ihm auf seine Frage, wo er denn einen fände das örtliche Hospital, dort sei die Behandlung in Ordnung, das Personal freundlich und die Kosten erträglich. Mühsam schleppte er sich zum Auto und erreicht nach kurzer Fahrt das „Christian Health Care Hospital“, ein eintöniges Konglomerat barackenartiger Gebäude am Rande eines gesichts- und für ihn auch namenlosen Ortes.

Er beschrieb der Schwester am Empfang die Symptome seines Leidens so gut er konnte und verlangte nach einem Arzt, es gehe ihm wirklich nicht gut – I am really sick, blieve me. Die Schwester, freundlich und offensichtlich vergnügt, denn sie summte ständig vor sich hin, hörte ihm aufmerksam zu. Yes, no problem, wait  a moment, der Doktor ist gerade beschäftigt. Sie müssen zuerst das Aufnahmeformular ausfüllen. Wir wollen alles über Sie wissen, bevor wir Sie behandeln. Es ist zu Ihrer Sicherheit. Nur ein paar Fragen und ein paar Unterschriften, Bestätigungen, dass wir nichts falsch machen, dass Sie bekommen, was Sie wollen, you know? Das Formular umfasste mehrere Seiten. In den meisten Fällen sollte man etwas ankreuzen. Er machte die Kreuze auf gut Glück, weil er sich nicht auf die Fragen konzentrieren konnte und manche auch gar nicht verstand. An einigen Stellen sollte er etwas hinschreiben, Angaben machen, Krankheiten und Medikamente auflisten. Dies fiel ihm besonders schwer, weil ihm die richtigen Worte fehlten. Er bat mehrfach die Schwester um Hilfe, die sie ihm zuerst freundlich, dann aber immer unwilliger gewährte. Ihr Unwillen wurde deutlich, weil sie ihr Summen eingestellt hatte und spitz bemerkte, dass sie auch noch etwas anderes zu tun habe. Als er sie genervt bat, doch endlich einen Arzt zu holen oder ihm ein Medikament oder eine Spritze zu geben, war die Antwort - yes honey, just a moment -  bloß noch hier, diese kurzen Abschnitt, dann sind wir fertig. We need this information really, you know. Sie brachte ihm ein Glas Wasser und drängte ihn, weiter zu machen.

Endlich war er fertig und die Schwester sagte: wonderful honey, you are great. Jetzt brauche ich nur noch eine Kreditkarte. Wir brauchen Sicherheit, you know, es kommen viele, die kein Geld haben und dann bleiben wir auf den Kosten sitzen. Kreditkarte oder 100 Dollar cash. I hope you understand. Er hatte kaum Bargeld bei sich, alles was er benötigte, hatte er problemlos mit der Kreditkarte bezahlen können. Er holte die Karte aus der Geldbörse und die Schwester steckte sie in den elektronischen Kartenleser. Doch statt einer Freigabe erschien die Meldung auf dem Dsiplay, dass die Karte gesperrt sei. Sie nahm die Karte wieder heraus, wischte den Magnetstreifen an ihrem Kittel ab und steckte sie erneut ein. Als wieder kein Kontakt zustande kam, wurde sie sichtlich ungehalten. Sie müssen sich besser vorbereiten, wenn Sie zu uns kommen, meinte sie. Haben Sie denn keine zweite Karte? Er verneinte und fügte hinzu, dass er bisher noch nie, noch in keinem Fall Schwierigkeiten gehabt habe. Der Fehler muss aber bei Ihnen liegen, insistierte sie, unser Terminal ist in Ordnung. Aber, so fuhr sie fort, no problem, wir rufen bei Visa an, die werden Ihnen helfen. Der Anruf kam rasch zustande. Sie reichte ihm den Hörer, damit er die Sache selbst regeln könne. Trotz der schlechten Qualität der Verbindung und trotz seines Kopfwehs, das immer heftiger wurde, verstand er, was die routiniert freundliche Stimme sagte. Er solle Namen, Adresse, Kartennummer und den Geheimcode angeben, the pin code. Er hatte noch nie den Geheimcode benutzt, man brauchte ihn nicht zum Bezahlen und an einem Automat hatte er noch nie Bargeld abgehoben, das war teuer, wie er wusste. Er hatte sich seinen Bargeldbedarf am Anfang der Reise bei einer Bank besorgt, aber inzwischen weitgehend aufgebraucht. Auf der Karte war der pin code natürlich nicht vermerkt und die ungeöffneten Unterlagen, die seine Bank ihm zugeschickt hatte, lagen zu hause in seinem Schreibtisch, einige tausend Kilometer entfernt. Sorry, sagte die Stimme, wir haben festgestellt, dass mit ihrer Karte vor kurzem eine betrügerische Abbuchung durchgeführt wurde und deshalb haben wir sie gesperrt. Jetzt brauchen wir den Code, um sie zu entsperren. Wenn Sie den nicht haben, kann ich nichts für sie tun. Sie könnten ja ein Betrüger sein. Er versuchte in seinem grässlichen Englisch, das vor lauter Aufregung immer schlechter geworden war, dem Angestellten seine Situation zu erläutern, es sei ein Notfall, a case of emergency, you know, er brauche unbedingt Geld für den Arzt, für das Hospital, für Medikamente. I really need money, you understand. Sie müssen mir helfen. Die Stimme sagte zum wiederholten mal sorry, pin code, not possible, we have our rules und dann war die Verbindung unterbrochen.

Er war im Laufe des Telefongesprächs noch aufgeregter, noch verzweifelter geworden und als er plötzlich merkte, dass sein Herzschlag unregelmäßig geworden war, packte ihn die Angst. Kalter Schweiß brach aus, er setzt sich, schlug die Hände vor das Gesicht und begann laut zu schluchzen. Ein älterer Mann im weißen Kittel, vermutlich ein Arzt, war zum Empfang gekommen und fragte, was denn los sei. Was mit dem Mann auf der Bank los sei, er sei ja kreidebleich und schwitze trotz der Klimaanlage. Die Schwester, die während des Telefonats anderweitig beschäftigt war, kam eilig herbeigelaufen und sagte dann - oh, wir haben ein kleines Problem mit seiner Kreditkarte, ein Fall von Geringfügigkeit, a case of minor importance. Diese Worte vernahm er noch, ehe sich Dunkelheit um ihn ausbreitete. 

 

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