Gefühlter Fisch

 

Nachdem er ein Hotel gefunden und seinen Koffer im Zimmer abgestellt hatte, ging er in das Restaurant, einen großen, schmucklosen, Raum mit kahlen, weißgetünchten Wänden. Im kalten Licht der Neonröhren saßen ein paar Gäste an Tischen mit rotkarierten Plastikdecken. Er wählte einen kleinen Tisch mit Blick auf den Fernseher, um sich die Zeit des Wartens zu vertreiben. Wenn er etwas hasste, dann untätiges Warten bis das Essen serviert wurde. Ein älterer Ober - dunkle Hose, weiße Jacke, schwarze Fliege – reichte ihm eine abgegriffene, schmuddelige Speisekarte, sagte aber gleich, dass es nur Kabeljau, Schweineschnitzel, Spaghetti und Gemüseeintopf mit Wursteinlage gäbe. Wenn der Herr Menü nähme, so seine Litanei, die er an diesem Abend wohl schon mehrfach heruntergebetet hatte, könne er heute zwischen Gemüsesuppe, Thunfischsalat oder grünem Salat wählen, alles andere sei leider ausgegangen, dazu käme die Käseplatte des Hauses und ein Dessert. Falls er Wein wünsche, so empfehle er den Hauswein, einen weißen und einen roten, beide seien sehr gut. Nach kurzem Überlegen entschied er sich, der Qual der Wahl weitgehend enthoben, für ein Menü mit Thunfisch und Seefisch, denn er liebte alles, was schwamm. Das Essen kam schnell, noch ehe er seinen Aperitif ausgetrunken hatte, und war noch schneller verzehrt, denn es war eine einzige Enttäuschung. Der Thunfischsalat, eine gräuliche Masse auf einem verschrumpelten Salatblatt, schmeckte nicht im entferntesten nach Thunfisch. Der nachfolgende bleiche Schellfisch wurde zur Hälfte von einer undefinierbaren weißen Soße mit Dillspitzen verdeckt, die andere Hälfte zierten ein paar verlorene, blassrote Karottenschnitze und einige graugrüne Brocken Broccoli. Ein leichter Muff stieg von ihm auf, der sich aber durch die reichlich beigelegten Zitronenscheiben ganz gut übertönen ließ. Als Sättigungsbeilage gab es weiße, verkochte Salzkartoffeln mit grünen Petersiliefarbtupfern. Nur der Wein war in der Tat ganz gut und er bestellte, nachdem er ein Viertel geleert hatte, eine ganze Flasche. Dadurch wurde das Menü doch noch einigermaßen erträglich und er konnte selbst das Stückchen trockenen Käse, das vom Ober großspurig als Käseplatte angekündigt worden war und den überzuckerten Schokoladpudding mit Vanilliensoße, in einem gelben Näpfchen serviert, hinunterspülen. Der Kaffee, den er zum Abschluss bestellte, war stark und bitter. Sein Geschmack nach Zichorie übertönte alle vorangegangenen, faden Geschmacksnuancen. Eine Mahlzeit, die man am besten rasch vergaß, genauso wie den öden Abend in dem langweiligen Zimmer dieses leicht vergammelten Kleinstadthotels. Doch dann fiel ihm ein, dass er in der Lobby ein Schild mit der Aufschrift „Bar“ gesehen hatte und einen Pfeil, der in Richtung Keller zeigte.

Deutlich beschwingt durch die fünf viertel Wein, stieg er die Kellertreppe hinab und betrat die Bar. Der enge, schummerige Raum mit roten Lämpchen an den Wänden und gerahmten Plakaten, auf denen Spirituosen angepriesen wurden, stellte das optische Kontrastprogramm zu dem neonhellen Speisesaal dar. Raumbeherrschendes Element war eine lange, dunkle Theke mit Messingbeschlägen, dahinter verspiegelte Glasvitrinen mit Batterien von Flaschen und Gläsern. Zu seiner Überraschung war der Barkeeper eine Frau. Dieselbe Frau, die er bereits am Nachmittag in der Rezeption kennen gelernt hatte. Doch jetzt sah sie in ihrem dunklen, tief ausgeschnittenen Cocktailkleid, das zudem, wie er später sah, auch noch atemberaubend kurz war, viel schicker aus. An einem der dünnen Träger prangte eine große Brosche in Form eines farbenfrohen Schmetterlings und an den Fingern steckten diverse, auffällige Ringe. Ihr Haar hatte sich von einem einfachen Pferdeschwanz in einen kunstvollen Turm, der von vielen Nadeln und Spangen in Form gehalten wurde, verwandelt. Als er sich auf einen der Barhocker setzte, umgab ihn sogleich eine Wolke ihres süßlichen, aufdringlichen Parfüms und selbst im Schummerlicht der Bar sah er, dass sie reichlich Make-up aufgetragen hatte. Er vermutete, nachdem er sie eine Weile beobacht hatte, dass dies vor allem dem Zweck diente, sie deutlich jünger erscheinen zu lassen als sie in Wirklichkeit war. Am späten Nachmittag, als er eincheckte und ein paar karge Worte mit ihr wechselte, hatte sie einen gelangweilten, etwas muffligen Eindruck gemacht und er befürchtete schon, dass er es in ihrer Gesellschaft auch in der Bar nicht lange aushalten würde. Doch da täuschte er sich, denn nun war sie wesentlich freundlicher und zuvorkommender und, wie sich rasch herausstellen sollte, auch viel redseliger. Sie war ganz offensichtlich froh, dass an diesem Abend überhaupt noch ein Gast gekommen war.

Er war denn auch der einzige Gast und das sollte den ganzen Abend so bleiben. Das Wetter war zu schlecht, als dass irgend jemand freiwillig auf die Straße gegangen wäre und am Wochenanfang, so die Frau, sei immer wenig los und außerdem seien kaum Gäste im Hotel. Wenn er nicht gekommen wäre, hätte sie dicht gemacht. Doch nun saßen sie sich gegenüber und hatten reichlich Zeit füreinander, die Barfrau und der einsame Gast, und sie nutzen diesen Tatbestand. Bei jedem Drink, den er bestellt, spendierte er auch ihr einen und sie lehnte keinen einzigen ab. Sie waren rasch in ein intensives Gespräch verwickelt, das sich anfangs um allerlei banale Dinge drehte, wie das schlechte Wetter und das langweilige Leben in einer Kleinstadt. Mit der Zeit wurden die Themen sogar etwas tiefschürfender, sie sprachen über die Charaktereigenschaften von Männern und Frauen und den seltsamen Typen, die in Bars auftauchen. Doch mit jedem Drink machte sich die enthemmende Wirkung des Alkohols mehr und mehr bemerkbar. Sie wurden immer fröhlicher und vertrauter und ihre Themen immer flacher, sie endeten schließlich im Banalen und Vulgären. Gegen Mitternacht schwadronierte er mit seinen Erfolgen im Leben allgemein und im Beruf und bei Frauen im besonderen und gab dabei an, wie sieben nackte Neger. Sie girrte und gluckste und konnte sich über sein Gelaber vor Lachen ausschütteln, noch bevor er angefangen hatte, alle abgedroschenen und obszönen Witze zu erzählen, die ihm einfielen. Ganz offensichtlich stimmte die Chemie zwischen den beiden, denn als er seine Hand wiederholt, erst wie zufällig, dann gezielt und schließlich ohne Unterlass auf ihren nackten Arm legte, hatte sie nichts dagegen. Nach einiger Zeit streichelte sie erst seine Hand, damm seine Wangen, dann fuhr sie ihm über seine kurz geschnittene Meckifrisur. Irgendwann hatten sie sich das Du angeboten, hatten Brüderschaft getrunken und sich schmatzende Küsse gegeben und das nicht nur auf die Wangen.

Als Mitternacht vorbei war und sich noch immer kein weiterer Gast hatte sehen lassen, sagte die Frau unvermittelt mit schwerer Stimme, dass sie jetzt diesen Scheißladen dichtmachen würde und dass sie, sie rülpste, dass sie vorschlüge, sich jetzt, jetzt sofort mit einer Flasche Schampus auf das Zimmer des Gastes zu verziehen, um es sich dort genial gemütlich zu machen. Sie gebrauchte das Wort „genial“ öfters und meistens in einem völlig unpassenden Zusammenhang. Auch sonst war ihr Gerede sehr unpräzise und fahrig geworden und ihre Stimmung schwankte zwischen exaltierter Fröhlichkeit und Weltschmerz. In den depressiven Phasen wischte sie sich eine Träne aus den Augen und lamentierte, dass in diesem verdammt Kaff nie etwas was los sei und dass sie hier noch einsam und verlassen sterben würde und dass das ganze Leben sowieso eine verdammte Scheiße sei. Doch weder ihr Besoffensein noch ihre emotionalen Schwankungen störten ihn, denn auch seine Wahrnehmung war deutlich eingeschränkt. Er hing auf seinem Barhocker, die eine Hand auf ihrem nackten Arm, in der anderen ein Glas, die Augen abwechselnd auf ihr Gesicht und den tiefen Ausschnitt gerichtet. Als sie den Vorschlag mit dem Schampus machte, war ihre miese Stimmung mal wieder vorbei, denn er, so sprudelte es aus ihr heraus, er habe den Abend gerettet, er sei genial, deswegen Schampus, deswegen Zimmer. „Komm Schatzi, wir gehen.“

Sie stiegen, etwas mühsam jede einzelne Treppenstufe anvisierend und sich am Geländer festklammernd, die Treppe hinauf in die leere, verlassene Lobby, dann weiter in den ersten Stock, hinein in das unbenutzte Zimmer, in dem sein Koffer immer noch neben dem Bett stand. Sie legte sich, kaum eingetreten, auf das Doppelbett, in der einen Hand die Flasche, in der anderen zwei Gläser. Er blieb stehen und schaute sie an, wie sie da lag, entspannt und zugleich gespannt auf das, was da noch so kommen würde. Dann lächelte er etwas verkniffen und das hatte seinen Grund. Denn obwohl sich bisher alles zu seiner vollen Zufriedenheit entwickelt hatte und die Perspektive für den Rest der Nacht vielversprechend war, gab es da ein Problem. Auf einer unteren Ebene hatte sich eine Entwicklung angebahnt, die nicht so angenehm war, wie das sprichwörtliche Geflatter von Schmetterlingen im Bauch frisch Verliebter. Ein paar Schmetterlinge waren durchaus da, aber da war noch etwas anderes, etwas, das sich im Laufe des Abends langsam herangeschlichen und die armen Schmetterlinge nun vollständig verdrängt hatte: ein gefühlter Fisch, der ihm mächtig zusetzte. Der bleiche Kabeljau hatte nicht nur muffig gerochen, er war, obwohl mausetot und ausgenommen, noch voller Leben gewesen, voller bakteriellen Lebens. Und immer stärker fühlte er, wie dieser tot-lebendige Kabeljau in seinen Innereien herumschwamm. Er hatte es zuerst deutlich bemerkt, als die Phase der ernsthaften Gespräche vorbei war. Ab da verspürte er ein gewisses Rumpeln und Pumpeln in seinem Abdomen. Doch er hatte es zunächst erfolgreich mit dem reichlich genossenen Alkohol übertönt und durch die anregende Unterhaltung verdrängt. Bei dem anstrengenden Aufstieg in die belle-étage verschlimmerte sich das Gewuhle jedoch drastisch und als er nun an die Wand gelehnt da stand und wie durch einen dichten Nebel hindurch die Frau auf dem Bett fixierte, wurde seine Lage auf einmal sehr prekär und er hatte große Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Doch die Frau, in ihrer Wahrnehmung ebenfalls stark getrübt, merkte nichts, sondern zwitscherte „erst ein Schlückchen, dann ein Küsschen, dann kann der Weihnachtsmann ins Bettchen kommen“. Sie erhob sich nach einigen Anläufen aus ihrer flachen Lage, stellte die Gläser auf das Bett, fummelte an der Flasche herum und ließ den Korken laut knallen. Unsicher zielend, schenkte sie die Gläser randvoll ein und vergoss dabei einen Teil des teuren Gesöffs auf die Bettdecke. Mit ausgestreckten Armen, in jeder Hand ein Glas, balancierte sie auf ihn zu. „Komm, lass uns anstoßen. Auf uns, auf die Liebe, auf das, was die Nacht noch bringen wird.“ Er hatte Mühe, das vor ihm tanzende Glas zu ergreifen, seine Hand zitterte und er krümmte sich, weil ihn genau in diesem Moment ein stechender Schmerz durchzuckte. Während sie ihr Glas in einem Zug leerte und sich danach wieder auf das Bett fallen ließ, schaffte er nur einen kleinen Schluck, dann ging es einfach nicht mehr und er entschuldigte sich, er müsse mal dringend. Auf dem WC war ihm dann so richtig schlecht. Oben würgte er, leider erfolglos, unten tobte ein heftiger Tornado durch seine Gedärme. Er dachte an Weltuntergang und brauchte eine ganze Weile, bis er sich endlich aufraffen und zurück in das Zimmer wanken konnte. Doch er kam nur bis zum Türrahmen. Hier blieb er stehen, hielt sich links und rechts fest und atmete tief durch. Dann erst hob er den Kopf und sah, dass die Frau ihr Cocktailkleid ausgezogen hatte und nur noch in Unterwäsche auf dem Bett lag, die halbvolle Champagnerflasche noch immer in einer Hand. Sie hatte die Augen geschlossen, räkelte sich erwartungsfroh und gurrte, sie habe jetzt lang genug gewartet, ob er denn keine Lust habe, er solle doch jetzt endlich kommen. Und es kam, aber anders als sie und er es erwartet hatten. Denn gerade jetzt, als der Höhepunkt des Abends kurz bevor stand und er gefragt und gefordert war, kam alles hoch: der renitente Fisch, das Gepampe aus Kartoffeln und Soße, der fade Broccoli mitsamt dem noch faderen Thunfisch, der steinerne Käse, der glibberige Pudding, der köstliche Wein und all die zahlreichen Schnäpse und Cocktails danach, sogar der Zichorienkaffeegeschmack stellte sich noch einmal ganz kurz ein. Er schaffte es gerade noch zurück in das Bad, die Tür konnte er nicht mehr schließen, dann übergab er sich lautstark und unter heftigem Gewürge.

Die Frau merkte erst jetzt was da eigentlich los war und erst jetzt wurde ihr klar, in welch höchst unangenehmer Lage sie war. Der Nebel in ihrem Hirn lichtete sich schlagartig, die euphorisierte Stimmung verschwand abrupt und das Gurren blieb ihr im Hals stecken. Erst verstummte sie, dann schämte sie sich wegen ihrer Halbnacktheit und dann traf sie voller Wucht die tiefe Enttäuschung über das missglückte Ende dieses Abends, der so vielversprechend begonnenen hatte und die Palette ihrer Gefühle endete in blanker Wut und rasendem Zorn. Sie stand auf, knallte die Champagnerflasche auf den Nachttisch, zog sich den schwarzen Fummel wieder an und verließ fluchtartig den Raum, nicht ohne dem Unglücklichen zuzuzischen: „Versager!“ Der Versager stand noch eine Weile kreidebleich und mit seinem Gekotze bekleckert im Türrahmen. Dann tastete er sich zu seinem Bett, legte sich auf die champagnerfeuchte Decke und zündete sich, obwohl es ein Nichtraucherzimmer war, eine Zigarette an. Er lag rauchend da, ärgerte sich und trauerte der verpassten Gelegenheit nach. Was für ein Pech man im Leben haben kann, dachte er, bevor er erschöpft einschlief. Die glimmende Zigarette war aus seiner erschlafften Hand auf die Decke gefallen, ein paar Zentimeter entfernt von dem durchnässten Gebiet.

 

Copyright: yupag 2012

 

x