Eine flüchtige Beziehung

 

Ein junger Mann sitzt in einem Abteil eines Zuges, der nicht zu schnell und nicht zu langsam fährt. Ein Schnellzug, der nicht besonders schnell ist, aber auch kein Bummelzug der überall hält,. Es ist ein Zug mit Komfort, mit separaten Abteilen und gepolsterten Sitzen. Es ist heiß, mitten im Sommer und die Geschichte spielt irgendwo im Süden, in einer ländlichen Gegend.

Der junge Mann ist auf der Fahrt nach hause. Er hatte seine Praktika abgeschlossen und will nun die Semesterferien dafür nutzen, wofür der Name steht. Er freut sich auf seine Familie, das gute Essen seiner Mutter, die ländliche Ruhe, die vertraute Umgebung, die Freunde und Bekannten. Es war sein erstes Semester und er war noch nie so lange von zu hause weg gewesen.

Er sitzt allein in dem Abteil und schwitzt. Er hat sein Jackett ausgezogen, die Krawatte abgenommen, am liebsten würde er auch noch das weiße Hemd ausziehen und die Schuhe, so warm, so heiß ist es. Er öffnet das Fenster, aber die eindringende Luft bringt keine Kühlung. Er schließt es wieder. Er versucht zu lesen, zu dösen, die Landschaft zu betrachten, die braune, verbrannte Landschaft, die trockenen Wiesen, die ausgedörrten Felder, die spärlichen Wälder. Die Zeit schreitet voran, noch eine gute halbe Stunde, dann ist er am Ziel. Er fleezt sich, streckt die Beine weit von sich, macht seinen Rücken steif.

Der Zug hält quietschend. Türen schlagen. Stimmen dringen in das Abteil. Dann wird die Tür aufgeschoben. Eine junge Frau tritt ein. Sie ist ganz in schwarz, schwarzes Kostüm, schwarze Strümpfe, einschließlich eines kleinen Schleiers vor dem hübschen Gesicht. Es ist offensichtlich, dass sie in Trauer ist. Sie fragt, ob noch ein Platz frei sei, obwohl alle Plätze frei sind und keine Gepäckstücke oder Kleidungsstücke eine Belegung anzeigen. Sie fragt mit leiser, höflicher Stimme. Der junge Mann ist leicht verwirrt, er bejaht und merkt, dass er fast auf seinem Sitz liegt. Er richtet sich auf, setzt sich gerade hin. Ein Pfiff, der Zug setzt sich langsam in Bewegung, rattert, schlingert leicht in den Kurven. Die Bäume jagen immer rascher an den Fenstern vorbei.

Die junge Frau hat sich in die entfernteste Ecke gesetzt. Sie blickt zu Boden. Führt ab und zu ein Taschentuch an die Nase, schnieft, wischt sich ein paar Tränen aus den Augen. Der junge Mann ist versucht, sie anzusprechen, sie zu fragen, warum sie so traurig sei, ob jemand gestorben sei. Aber er ist höflich und schüchtern und hübschen jungen Frauen gegenüber sehr gehemmt und das Problem dieses Mädchens geht ihn ja schließlich nichts an. Er schweigt, sieht aber verstohlen immer wieder in ihre Ecke.

Die junge Frau bemerkt seine Blicke, steht unvermittelt auf und zieht die Vorhänge vor die Fenster zum Gang. Der junge Mann schaut ihr verwundert zu. Sie dreht sich um, kommt auf ihn zu, zieht ihre schwarze Kostümjacke aus, ihre weiße Bluse, ihren rosafarbenen BH. Der junge Mann ist total verwirrt, er weiß nicht, wie ihm geschieht, glaubt Halluzinationen zu haben, eine Fata Morgana zu sehen. Er ist gelähmt. Sie nimmt seine Hände, führt sie an ihre Brüste, an ihre harten Brustwarzen. Ihr Mund nähert sich seinen Lippen. Sie setzt sich auf seinen Schoß, knöpft sein Hemd auf, streichelt seine Brust. Nimmt seine Hand und führt sie von den Brüsten unter ihren Rock, der sich hoch über ihre Oberschenkel geschoben hat. Und alles vollkommen wortlos, ohne - ein - Wort. Aber Worte sind für das, was dann geschieht nicht notwendig.

Bei der nächsten Station, der für ihn vorletzten, ist die junge Frau wieder perfekt angezogen. Die Lippen sind nachgefahren, etwas Puder ist auf der Nase. Der Schleier sitzt wo er soll, der Rock ist wieder züchtig bis zu den Knien hinab geschoben. Sie nimmt ihr Handtäschchen und öffnet die Abteiltür. Der Zug steht. Sie dreht sich um, deutet einen Luftkuss an und geht den Gang hinunter zur Zugtür.

Der junge Mann ist wie von Sinnen, nicht wütend, aber total durcheinander. In aller Hast stopft er das Hemd in die Hose, schließt diese, zieht die Jacke an, nimmt seine schwere Tasche und eilt ihr nach, durch den Gang auf den Bahnsteig. Er sieht, wie sie von einem ebenfalls jungen Mann, offensichtlich ihrem Freund, begrüßt wird. Dieser schaut sie liebevoll und sorgenvoll an, nimmt sie in den Arm, küsst sie. Sie schmiegt sich an ihn. Beide gehen, Arm in Arm zur Sperre. Er hört noch, wie der Freund sagt „Deine Mutter ist noch zu Hause aufgebahrt“. Unser junger Mann ist nun so durcheinander, wie man nur durcheinander sein kann. Er steht da, glotzt den beiden hinterher, hechelt und fächelt sich Luft zu. Der Schaffner schlägt die Zugtür zu, pfeift, der Zug fährt ab. Der junge Mann bekommt nichts von dem mit, was um ihn herum geschieht. Es ist heiß, später Nachmittag. Der nächste Zug kommt in zwei Stunden.

 

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