Der Fall

 

Er saß auf seinem Rucksack im Schatten einer Mauer, döste vor sich hin und wartete auf den Bus. Der hatte sich, wie er es schon oft erlebt hatte, verspätet, die Abfahrtszeit war längst überschritten. Er schreckte hoch, als der Lärm um ihn herum plötzlich verstummte und eine fast bedrohliche Stille eintrat. Die Leute starrten alle in dieselbe Richtung, auf die Frau in schwarzen Kleidern, die im Staub der Straße lag. Niemand machte Anstalten ihr zu helfen.

Um den Bus ja nicht zu verpassen, war er rechtzeitig zum Place de la Revolution gegangen. Hier im Zentrum der Stadt, wo sich ein paar Geschäfte und Cafés befanden und auf deren Mitte ein pompöses Denkmal für irgend einen General stand, fuhren nicht nur die wenigen Busse ab, hier war auch der Treffpunkt aller Reisenden, aller Müßiggänger und aller Neugierigen. Er wollte endlich weg aus diesem trostlosen, vermaledeiten Provinznest, in dem er länger hatte bleiben müssen als vorgesehen. Sein Plan, auf der Durchreise einen Zwischenstopp zu machen, sich die Stadt anzuschauen und ein paar Stunden in dem Tal zu wandern, dessen landschaftliche Schönheit sogar im Reiseführer stand und am Nachmittag weiter zu fahren, war gründlich misslungen. Er hatte sich verspätet und den Bus, der diesmal viel früher als erwartet gekommen war, verpasst und war deshalb gezwungen, sich für eine Nacht ein Zimmer zu nehmen. Es war klein und schäbig, was ihn nicht weiter störte, genauso wenig wie das Essen, ein undefinierbarer, fader Eintopf, der bestimmt schon mehrfach aufgewärmt worden war. Er hatte den ganzen Tag über nichts richtiges gegessen und sein Hunger war größer als seine Abneigung gegen aufgewärmte Eintöpfe und letztlich half ein kühles Biers, den Fraß hinabzuspülen. Dass der Eintopf nicht nur fade, sondern verdorben war, merkte er erst in der Nacht, als ihn eine heftige Darminfektion heim suchte. Er lag im Bett, apathisch und frustriert, schleppte sich mit Mühe zur Toilette und kam völlig erschöpft zurück. Auch am Morgen ging es ihm nicht besser, an eine Weiterreise war nicht zu denken und er musste wohl oder übel ein paar Tage im Hotel bleiben.

Aber nun war die Krise überwunden und sein Wunsch, endlich weg zu kommen, war übermächtig. Es war noch früher Vormittag und dennoch heiß und schwül und die wenigen Schattenplätze des Wartehäuschens waren belegt. Leute, die wie er, weg fahren wollten, kauerten inmitten zahlreicher Gepäckstücke. Andere saßen in den Cafés oder standen in Grüppchen zusammen und palaverten, laut und mit vielen Gesten. Einige Jugendliche spielten Fußball und feuerten sich gegenseitig lauthals an. Er beobachtete das Treiben auf dem Platz, die Wartenden, die Redenden, die Spielenden und registrierte dabei manch einen neugierigen Blick in seine Richtung. Unter all den Menschen fiel ihm eine Frau mittleren Alters auf, die allein in der prallen Sonne stand, neben sich zwei große, volle Taschen. Sie hatte trotz der Hitze eine schwarze Jacke und einen langen dunklen Rock an und trug ein ebenfalls schwarzes Kopftuch. Aber es war nicht nur ihre altmodische, viel zu warme Kleidung, die sein Interesse erregte, sondern auch ihr Bemühen, sich mit einem bunten Handtuch frische Luft zuzufächeln. Sie ließ es pausenlos wie einen Propeller vor ihrem Gesicht kreisen. Er beobachtete sie eine Weile, dann übermannte ihn die Müdigkeit und er nickte ein.

Als er sie nun aufgeschreckt, da liegen sah, wusste er sofort, was er tun mußte. Seine Ausbildung zum Sanitäter und seine tief verwurzelte Neigung anderen zu helfen, ließen ihn keinen Moment zögern. Er nahm seinen Rucksack und lief zu der Frau, die starr auf dem Boden lag. Sie hatte sich bei dem Fall eine kleine Platzwunde am Kopf zugezogen und das leuchtend rote Blut bildete einen scharfen Kontrast zu ihrem todbleichen Gesicht und dem hellen Grau des Straßenstaubs. Als erstes musste sie unbedingt und sofort in den Schatten. Er sah die Leute an, die näher gekommen waren und nun einen lockeren Halbkreis bildeten und rief ihnen zu, jemand möge ihm helfen. Doch sie starrten ihn nur schweigend an, niemand bot seine Hilfe an. Er packte die Frau unter den Armen und zog sie in den Schatten des Wartehäuschens. Dann holte er seinen Rucksack und legte ihre Beine darauf. Er versuchte ihren Atem zu hören und ihren Puls zu fühlen und als er nichts hörte und nichts fühlte, öffnete er die schwere Jacke und legte seinen Kopf auf ihre Brust. Ihr Herzschlag war schwach und unregelmäßig. Nun begann er fachmännisch und routiniert mit der Wiederbelegung. Erst einige heftige Schläge auf die linke Brustseite, dann einige Atemübungen mit ihren Armen und schließlich die Mund zu Mund Beatmung. Als die Frau nach kurzer Zeit wieder zu atmen begann, stockend und langsam, war er sehr erleichtert und blickte triumphierend zu der Menge hoch. Er hoffte auf Anerkennung oder Dankbarkeit, doch stattdessen sah er nur Neugier, Ablehnung, Wut und Bosheit. Eine Alte schrie, sehr laut, sehr hysterisch  „Tu l’as touchée, tu l’as baisée, tu l’as frappée, tu vas la tuer – Du hast sie berührt, du hast sie geküsst, du hast sie geschlagen, du wirst sie töten.“ Er war verwirrt und suchte nach Worten, um sein Tun zu rechtfertigen. „Aber ich habe sie doch gerettet. Ich habe doch nur das getan, was man tun musste.“ Die Menge murrte und einer rief „Hör auf. Halt dein Maul und verschwinde“. Die Alte zeterte immer weiter.

Als er merkte, dass die Atmung der Frau wieder sehr unregelmäßig wurde, wandte er sich ihr erneut zu, beugte sich über sie und presste ihr seinen Atem wieder und wieder ein. Da spürte er die ersten Steine auf seinem Rücken, einer traf ihn sogar am Kopf. Es tat weh. Die Fußball spielenden Jungen waren weg gerannt und hatten Steine geholt, die sie, aus sicherer Entfernung und unter dem unverhohlenen Beifall der Erwachsenen, auf ihn warfen. Die ersten Würfe waren zu ungenau, aber dann hatten sie sich eingeschossen. Sollte er aufhören, sollte er weiter machen? Er konnte die Situation immer noch nicht begreifen, aber die Blicke, die auf ihn gerichtet waren, waren so böse, das Murren so laut und so drohend, dass er aufstand, seinen Rucksack nahm und die Frau liegen ließ.

Zum Glück kam nun auch der Bus und er beeilte sich einzusteigen, rücksichtslos drängelnd, die Schwächeren beiseite schiebend. Dabei wurde er von wütendem Geschimpfe begleitet und mit einem Fußtritt verabschiedet, den ein ganz Mutiger von hinten ausgeteilt hatte. Die Jungen johlten und warfen Steine auf den Bus. Daraufhin schimpfte der Fahrer und blickte nun auch ihn böse an. Er fürchtete einen Moment, dass er ihn zwingen würde, wieder auszusteigen. Aber dann, nach einer schier endlos langen Zeit, wurde die Tür geschlossen und der Bus setzte sich in Bewegung. Er atmete tief durch, wischte sich den Schweiß von der Stirn und blickte zurück. Er sah, dass die Menge ihm immer noch mit erhobenen Fäusten drohte und die Jungen weiterhin Steine warfen. Die schwarz gekleidete Frau lag so da, wie er sie verlassen hatte. Niemand kümmerte sich um sie.

 

 

 

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