Einkaufsparadies

 

Überall in der Stadt hingen Plakate, die Presse war voll mit wohlwollenden Artikeln und im lokalen Fernsehen und Radio kamen euphorische Vorabberichte: am Donnerstag, dem 1. Juli, wird das neue Einkaufsparadies eröffnet, Erlebniseinkauf auf 30000 Quadratmetern, Einkaufsspaß pur für die ganze Familie, unschlagbare Sonderangebote in Hülle und Fülle. Zu der Eröffnungsparty, diesem Mega-Fun-Event, wurden bekannte Stars aus Funk und Fernsehen angekündigt und als besonderes Bonbon für das sparbewusste Premierenpublikum würde das Parken auf den 2000 Plätzen an diesem Tag nichts kosten. Die Kunden wurden eingestimmt und waren frohgestimmt und das Management war sich sicher, dass sie in großen Scharen herbeiströmen würde. Die Besitzer und die Geschäftsführer der Läden könnten sich am Abend die Hände reiben und die Sektkorken knallen lassen.

Für ihn würde dort jedoch kein Platz sein, das wusste er. Leute wie er, Stadtstreicher, Berber, Obdachlose, waren unerwünscht. Für sie war in den lichtdurchfluteten Konsumtempeln mit ihrer Dauerberieselung durch beruhigende und kaufanimierende Softmusik kein Raum vorgesehen. Den gab es jedoch hinter den Kulissen, auf den Andienhöfen, in den Entsorgungszentren, auf den Stellplätzen der Müllcontainer. Hier fanden sie das, was sie zum Leben brauchten: in Folie eingeschweißte, leicht verfärbte Hähnchenbrust, Edamer mit überschrittenem Verfallsdatums, Restsemmeln vom Vortag, verwelktes Gemüse, weiche Tomaten. Es waren im übrigen nicht nur Nahrungsmittel sondern auch fehlerhafte Kleidungsstücke, einzelne Schuhe und vieles mehr, was der verwöhnten, satten Konsumgesellschaft nicht mehr verkauft werden konnte und demzufolge entsorgt werden musste. Klar, die Leute von der Security mochten ihn und seinesgleichen nicht und verwehrten oder erschwerten ihnen zumindest den Zugang zu den Fleischtöpfen, aber man konnte die Sheriffs austricksen. Die zeitliche und räumliche Abfolge ihrer sporadischen Rundgänge in der Nacht war leicht zu entschlüsseln und die Zäune und Türen, die das Paradies abschotteten, konnte man problemlos überwinden. Nur wenn sie Hunde einsetzten, dann wurde es schwierig, dann musste man unter Umständen passen. Aber Hunde setzten sie nur selten ein, dafür waren die Schutzwerte nicht hoch genug und die Bedrohung des Konsumfriedens durch ein paar Assis zu gering.

Er hatte die Örtlichkeiten schon in der Bauphase gründlich erkundet. Es war einfach für ihn den Handwerker zu spielen und anscheinend geschäftig durch die Baustelle zu streifen, in seinem vorigen Leben war er Schreiner gewesen und er achtete immer noch, so gut es eben ging, auf sein Aussehen. Früher war er richtiggehend ansehnlich gewesen, ein Bild von einem Mann. Ein Mann, der bei Frauen ankam, leider zu gut. Nach einer Reihe von misslichen Ereignissen, die seinen Lebensplan völlig durcheinandergewirbelt hatten, war er am Rande der Gesellschaft angekommen. Erst war das Geld weg, dann die Arbeit, dann die Beziehungskisten und schließlich auch die Wohnung. Es war genauso abgelaufen, wie ein übles Klischee in einem drittklassigen Tatortfilm. Aber er hatte gelernt, in dieser neuen Welt zu überleben, sich durchzuschlagen und nicht nur vor sich hinzuvegetieren. Ja, hin und wieder ergab sich sogar ein Grund das Leben richtiggehend zu genießen, immer dann, wenn er in einem der Abfallcontainern etwas Exquisites fand, eine angebrochene Flasche Bordeaux, ein paar verbeulte Dosen Pilsner Urquell, überlagerte, weil überteuerte Gänseleberpastete oder angegraute Lindt-Edelpralinen. Wenn er einen solchen Fund gemacht hatte, redete er mit niemandem darüber, geschweige denn, dass er seine Schätze mit jemandem geteilt hätte. Er lebte allein, aß allein, besoff sich allein, schlief allein und lehnte dankend ab, wenn ihn eine Frau aus dem Milieu anmachen wollte. Wenn er Bedarf nach Frau hatte, wusste er, wo er hin gehen konnte, aber er hatte meist keinen.

In der Bauphase lernte er das Einkaufsparadies wie seine Westentasche kennen. Wenn er, was nur selten vorkam, angesprochen wurde, gab er sich als Handwerker aus, der etwas suchte, neu auf der Baustelle angekommen war oder eine bestimmte Firma ausfindig machen musste. Er fand heraus, wo die Maurer, die Elektriker, die Gipser ihre Bierkisten deponierten und nahm sich ab und zu eine Flasche, aber immer nur so wenig, dass es nicht auffiel. Da er sich angewöhnt hatte, genau darauf zu achten, was um ihn herum geredet wurde, bekam er auch den Ablaufplan der Eröffnungsparty mit und wusste, dass schon am Vorabend alles für den Massenandrang am nächsten Morgen vorbereitet sein würde. Er beschloss, die Nacht im Paradies zu verbringen und sich seinen Anteil an der Konsumgala vorab zu sichern. Für seine Überlegungen, wie das vonstatten gehen sollte, hatte er den Ort ausgesucht, von dem aus er auf seinen späteren Lieblingsplatz herabsehen konnte. Er stand im ersten Stock der Galerie, lehnte sich über das Geländer und betrachtete das Bistro de Paris, eine Art Straßencafe in der Mitte des Zentrums mit Tischen, Stühlen und unnötigen Sonnenschirmen, die um einen kleinen Teich gruppiert waren. Das Wasser für den Teich würde später einmal aus einem Springbrunnen sprudeln, einem markanten Stahlobjekt in Form einer überdimensionierten, himmelwärts gerichteten Sternenzacke. Auf einer Plakette im Fußboden stand der Name des Künstlers und der Titel des Kunstwerks: per aspera ex merda. Er hat sich sagen lassen, dass dies „über raue Pfade raus aus der Scheiße“ hieß und dieser Titel gefiel ihm sehr.

An den Tagen kurz vor der Eröffnung hielt er sich nur noch selten im Paradies auf. Die Handwerker waren weitgehend fertig und die Geschäftsleute hatten begonnen, die Läden einzurichten. Es wimmelte von hektischen Menschen und er wollte nicht im Weg stehen oder sich gar unangenehmen Fragen ausgesetzt sehen. Dennoch bekam er mit, dass sich die Betreibergesellschaft einen Gag für das Publikum ausgedacht hatte. An verschiedenen Stellen im Gebäude wurden lebensnahe, menschliche Figuren aufgestellt, Figuren, die von Duane Hanson hätten stammen können. Sie sollten die Besucher verblüffen und irritieren, wenn diese merkten, dass die Hausfrau am Bistrotisch, die ewig an ihrem Kuchen aß oder der alte Opa, der den Fahrstuhl dauernd wegfahren ließ, gar kein echten Mensch waren.

Als er am späten Mittwoch Abend durch einen der Lieferanteneingänge das Einkaufszentrum betrat, herrschte noch immer emsiges Treiben und so suchte er gleich den Raum auf, den er als perfektes Versteck ausgemacht hatte. Es war ein Lagerraum für leeres Verpackungsmaterial, der von allen Geschäften genutzt und nie abgeschlossen wurde. Hier konnte er es sich im Schein der Notausgangsleuchte gemütlich machen und sich am nächsten Morgen einfach unter die Besucher mischen. Er wartete, bis er sicher sein konnte, dass die Security geschlossen vor dem Fernseher saß. An diesem Abend spielten die Bayern gegen Manchester United und diesen Schlager ließ sich auch der gewissenhafteste Wachmann nicht entgehen. Als er sein Versteck schließlich verließ, waren die letzten Einräumer fort und alle Lichter bis auf die Notbeleuchtung erloschen. Er ging zielstrebig auf die Galerie, zu der Stelle mit dem schönen Blick auf sein Bistro. Aber er ging nicht wegen der Aussicht hin, nein, der Grund war viel handfester und viel angenehmer. Hier, genau hier, war alles für die Eröffnung der Filiale einer bekannte Feinschmeckerkette vorbereitet: Sekt, Wein und Platten mit Häppchen, was heißt da Häppchen, mit edlen Canapées, unter Plastikfolien.

Zufrieden stellte er fest, dass die Feinschmeckerheinis nicht knauserig waren. Er nahm sich eine der verlockend aussehenden Platten, eine Flasche Rotwein und eine Flasche Sekt und ging zurück in seinen Abstellraum, wo er es sich zwischen Kartons und gelben Säcken gemütlich machte. Er aß und trank und war vergnügt, so vergnügt und tatendurstig, dass er, nachdem er alles vertilgt und geleert hatte, beschloss, sich noch ein Fläschchen zu holen. Nun stand er wieder auf der Galerie, in der einen Hand die bereits halb geleerte, neue Rotweinflasche, mit der anderen Halt am Geländer suchend, um sein Schwanken zu zügeln und schaute in die Tiefe. Im Schummerlicht sah er undeutlich die Tische und die Stühle und den Teich mit der Skulptur. Er rülpste und war unschlüssig, was er nun machen sollte und so begann er zu räsonieren und über sein Leben nachzudenken und auf einmal wurde ihm klar, dass es ihm doch nicht so gut ging, wie er es sich angesichts des Festessens eingeredet hatte und es überkam ihn ein gewaltiger Katzenjammer und eine große Traurigkeit. Tränen stiegen ihm in die Augen und auch an anderer Stelle drückte das Wasser, er musste immer dringender pinkeln. Schließlich reifte in seinem umnebelten Hirn der Entschluss, sich zum einen hier und jetzt sofort zu erleichtern und zum andern ein Zeichen zu setzen, ein Zeichen der Rache an dieser verdammten, überheblichen Konsumgesellschaft, die ihn so schmählich ausgestoßen hatte. Er stellte sich ganz nahe an das Geländer und pinkelte mehr oder weniger zielsicher in die Tiefe, zumindest hörte er es dort unten deutlich plätschern und der Springbrunnen war ja noch nicht eingeschaltet. Er freute sich kindisch und beugte sich noch weiter vor, um den Ort der Entweihung besser einsehen zu können. Es kam dann, wie es kommen musste, wenn sich ein Besoffener zuviel zumutet. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte mit einem lauten Aufschrei in die Tiefe. Als er haarscharf an dem spitzen Zacken des Springbrunnens vorbeiflog, sandte er ein Stoßgebet aus und dankte seinem Schicksal, dass ihm das Aufgespießtwerden erspart blieb, das ihm der Autor eigentlich zugedacht hatte. Er dankte, dass er nicht auf dem Sternenzacken des Springbrunnens qualvoll sterben musste, um als eine weitere der menschenähnlichen Figuren, die Besucher zu irritieren.

Durch den Schrei und den lauten Aufprall auf die Wasseroberfläche aufgeschreckt, rannten die Sheriffs der Security zum Bistro, das Fußballspiel verlassend, obwohl die Partie ungemein spannend war. Die Bayern schickten sich nämlich gerade an aus einer eins zu null Führung in der letzten Spielminute noch eine eins zu zwei Niederlage hinzuzaubern. Der Besoffene, der seinen Sprung unbeschadet überstanden hatte, weil ein vorausschauender Architekt für eine ausreichende Wassertiefe gesorgt hatte, wurde aus dem Teich gezogen und tropfnass wie er war in die Ausnüchterungszelle neben dem WC gesperrt. Dann machten sich die Sheriffs dran, das verurinierte Teichwasser mit Sektkübeln auszuschöpfen und so die Spuren des schrecklichen Frevels zu beseitigen. 

 

 

 
Copyright: yupag 2010

 

x