Das Schloss

 

Sie sprach zu ihm,
Sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn.

 Halb zog sie ihn,
Halb sank er hin
und ward nicht mehr gesehn.

(Goethe – Der Fischer)

 

„Arschloch“ rief er dem Mädchen auf dem Fahrrad nach, laut und auf Deutsch. Dieses hielt an, setzte einen Fuß auf den Boden, drehte sich halb zu ihm um und rief genauso laut zurück „selber Arschloch“. Fünf Minuten später saßen sie in dem Tankstellenbistro an der Route nationale, dem einzigen Bistro, das um diese Zeit schon geöffnet hatte, tranken Café au lait und aßen Croissants.

Warum er gerade hier in „la France profonde“, in dieser kleinen Stadt in der tiefsten Provinz, hängen geblieben war und sich auch noch für ganze zwei Wochen eine Ferienwohnung gemietet hatte, war ihm wohl selbst nicht so ganz klar. Vielleicht, weil ihm das Haus mit dem großen Garten und dem Schild „location vacances à louer – Ferienwohnung zu vermieten“ gefallen hatte, als er auf der Suche nach einer Bleibe durch die Stadt fuhr. Vielleicht, weil er ohne es sich einzugestehen lieber in einer Gegend bleiben wollte, in der man nicht ständig Sight-seeing machen müsste. In einer Gegend, die zwar Gott verlassen, aber landschaftlich sehr hübsch war, „agréable“ wie der Wohnungsvermieter sagte. Es gäbe, so schwärmte der Mann in poetischer Begeisterung, entzückende Dörflein von historischem Reiz, einen See zur Befriedigung der Seensucht nach Wasser und viele einsame Straßen, auf denen man durch lichte Wälder, über sanfte Hügel und entlang malerischer Täler endlos radeln könne. Als er dann noch anbot, dem jungen Mann sein Rennrad kostenlos zur Verfügung zu stellen, es sei zwar ein älteres Modell, aber „de premier choix“, sagte dieser zu. Schließlich konnte er hier genauso gut wie irgendwo anders, das genießen, was er sich unter französischer Lebensart vorstellte. Er unterschrieb den Mietvertrag, obwohl er sich durchaus klar war, dass diese Gegend ein idealer Urlaubsort für Familien und Senioren, aber nicht unbedingt für junge Leute war.

Wie dem auch sei, er hatte sich entschieden und die erste Nacht tief und fest geschlafen. Tatenfroh wollte er den neuen Tag mit einem typisch französischen Frühstück beginnen und dazu gehörte nun mal ein Baguette oder Croissants. Gewohnt früh aufzustehen, machte er sich kurz nach Sonnenaufgang auf die Suche nach einem Bäcker. Er ging durch die menschenleeren Strassen, die eine rauf, die andere runter, die nächste nach links, dann wieder zurück. An drei Bäckerläden kam er vorbei. Alle drei waren noch geschlossen und auf der Straße traf er niemanden, den er hätte fragen können, ob es zu dieser Zeit irgendwo Brot gäbe. Als er schon frustriert zurück nach hause wollte, um es später noch einmal zu versuchen, kam ihm ein junges Mädchen auf einem Fahrrad entgegen, einige Baguettes in dem Korb am Lenker.
„S’il vous plait, où es le boulanger?“ rief er ihr in seinem besten Schulfranzösisch zu und lächelte freundlich.
Sie lächelte nicht, sie schaute ihn vielmehr einen Moment sehr kühl, sehr verächtlich an, drehte den Kopf dann wieder abrupt geradeaus und fuhr, ohne ihn einer Antwort zu würdigen vorbei. Wütend über die unhöfliche Abfuhr dieser Göre, die sich wohl einbildete, dass er sie anmachen wollte, diese pummelige pickelige Knallerbse, rief er ihr besagtes „Arschloch“ hinterher und erhielt die prompte Antwort.

Nun saßen sie in dem Bistro und nachdem die ersten Kontakte geknüpft, die ersten Fragen gestellt und beantwortet waren, hörte das Mädchen nicht mehr auf zu reden. „Ich wohne“, die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus,  „in einem Schloss, einem richtigen Schloss, ob du es glaubst oder nicht. Ich bin hier in den Ferien bei meinem Onkel. Der ist auch mein Vormund, meine Eltern sind tot, Verkehrsunfall vor drei Jahren. Deswegen bin ich jetzt in einem Internat. Aber dort gefällt es mir überhaupt nicht. In den Ferien holt mich mein Onkel ab und wir fahren in das Schloss. Er will mir Abwechslung bieten, sagt er, aber ich glaube, er will auch sein schlechtes Gewissen beruhigen, weil er mich in das Internat abgeschoben hat. Er ist steinreich, musst du wissen, Grundstücksmakler. Das Schloss hier hat er vor zwei Jahren billig gekauft. Ein Schnäppchen. Aber es war ziemlich heruntergekommen und er verbringt fast seine ganze freie Zeit damit, es herzurichten. Er macht alles selbst: malern, tapezieren, Wasserleitungen verlegen, Elektrokabel installieren, einfach alles. Er war nämlich mal Handwerker, bevor er Makler wurde, Schreiner glaube ich. Es sagt, dass er sich bei dieser Arbeit richtig entspannen kann. Bloß für den Garten hat er jemand, Gartenarbeit findet er langweilig. Meist kommt er nur über’s Wochenende, aber im Sommer bleibt er so lange hier, wie ich Ferien habe. Dann hält er seinen Maklerladen mit Computer und Telefon am laufen. Das Schloss ist sein ganzer Stolz und sein Hobby, sein zweitwichtigstes jedenfalls.

Was sein wichtigstes Hobby ist, willst du wissen? Französinnen. Er liebt Frankreich, aber noch mehr die Französinnen. Er macht viele Geschäfte in Frankreich, lernt viele Leute kennen und wenn er auf eine Frau trifft, die ihm gefällt, redet er so lange auf sie ein, bis sie mit auf sein Schloss kommt. Klingt wie diese Arie aus Don Giovanni, ich kenn die, weil ich mir oft Opern anhören muss. Sein drittwichtigstes Hobby. Er lädt aber nur Frauen ein, die bereit sind, drei Sachen zu machen: ihm beim Renovieren helfen, jeden Abend zum Essen ausgehen und viel mit ihm rumvögeln. Er findet immer wieder eine, die das alles mit macht, aber bei seinem vielen Geld ist das kein Kunststück.

Er glaubt, mir in diesen sechs Wochen lang etwas Gutes zu tun, aber für mich ist diese Zeit total langweilig. Tagsüber geht es noch. Wenn wir nicht renovieren, fahren wir mit seinem dicken BMW in der Gegend rum, zu irgend welchen langweiligen Ausstellungen oder gucken Häuser an, die er vielleicht mal kaufen will. Wenn es schön ist, gehen wir im See baden oder segeln oder fahren Wasserski. Ich helfe auch beim Renovieren. Ich muss nicht, aber meistens weiß ich nicht, was ich sonst machen soll, in diesem Kaff, ohne Freunde und manchmal macht mir die Arbeit sogar Spaß. Ganz schlimm ist es aber abends. Jeden Abend fahren wir in so ein teures Restaurant, oft sogar länger als eine Stunde und essen für viel Geld die blödesten Sachen und mein Onkel bestellt den teuersten Wein. Ich muss immer mit, damit ich wenigstens einmal am Tag was Anständiges zu essen bekomme, sagt er. Mittags gibt es meist nur Sandwichs oder eine Suppe. Dabei wären mir auch abends Pommes mit Ketchup oder ein BigMäc und eine Cola lieber als das teure Zeug. Für mich wäre es sogar besser, wenn ich abends gar nichts mehr essen und dann vielleicht abnehmen würde, aber in den Ferien nehme ich immer zu. Guck mich doch an, hier und hier und da, überall müsste was weg.“ Sie deutete auf ihr Hüften, ihren Po, ihre Oberschenkel. „Ich muss aber auch immer mit, weil er nicht will, dass ich abends allein im Schloss bleibe. Die Haushälterin und der Gärtner kommen nur tagsüber, sie wohnen im Ort. Die Haushälterin ist eine alte Frau. Ich glaube, die ist nicht mehr ganz dicht, weil sie immer unverständliches Zeug vor sich hin brabbelt, aber die Suppen, die sie macht, sind lecker. Und der Gärtner ist scharf auf mich, der alte Sack. Wenn er mich sieht, starrt er mich an, quatscht mich an, sucht sich eine Arbeit aus, bei der er mich beobachten kann. Das ist total nervig und ekelig und ich verpisse mich, wenn ich ihn sehe. Wenn es dunkel ist, darf ich überhaupt nicht mehr allein aus dem Haus. Dann hör ich immer: du bist ein Mädchen, du bist zu jung, nachts ist es gefährlich. Was für ein Quatsch! Was soll hier gefährlich sein? Hier gibt es nichts und niemanden, der gefährlich sein könnte. Alles tote Hose, überall nur Grufties, alle kurz vor dem Abkratzen. Er habe die Verantwortung für mich, sagt mein Onkel, wenn ich rumquengle. So lange ich noch nicht achtzehn sei, müsse ich machen was er sage, er sei schließlich mein Vormund. Er hat dauernd Angst, dass mir was passiert und dass er dann Ärger bekommt. Ich wundere mich, dass ich morgens mit dem Fahrrad Brot holen darf. Aber da ist es ja nicht mehr dunkel. Wenn wir aus dem Restaurant zurückkommen, bleibt bloß noch die Glotze, aber die ist total langweilig, immer nur französische Sender und da kapier ich einfach nichts. Die ganzen Ferien sind einfach scheußlich langweilig und die Franzosen sind doof, weil man mit ihnen nicht reden kann, die sprechen ja kein Wort Deutsch oder Englisch und ich kein Französisch. Ich habe keine Freunde in meinem Alter und auch sonst passiert hier einfach rein gar nichts.“

Er ließ ihren Redeschwall über sich ergehen und spürte den tiefen Frust des jungen Mädchens, nicht nur aus ihren Worten. Sie war sehr nervös, ziemlich aufgedreht, der Blick war unstet und sie kaute an ihren Fingernägeln, die schon ganz abgebissen waren. Zwischendurch lachte sie lauthals, dann war sie dem Weinen nahe. Ihr Verhalten gefiel ihm nicht und sie war auch gar nicht sein Typ und außerdem viel zu jung. Sie war ziemlich klein und etwas pummelig, mit unschönen Pickeln in dem blassen, puppigen Gesicht und strähnigen, flachsblonden Haaren. Insgesamt wirkte sie verhuscht und unscheinbar. Sie war kurzum einfach unattraktiv. Aber sie war ein junges Mädchen und wie alle jungen Mädchen allein schon deshalb für einen Mann interessant. Aber sie hatte noch ein weiteres Manko. Er konnte mit ihr sein Französisch in keiner Weise verbessern. Das hatte er sich für diesen Urlaub fest vorgenommen, am liebsten mit einem attraktiven Wörterbuch auf zwei Beinen. Aber als er sie da so sitzen sah, „la petite allemande“, wie der Gärtner sie nannte, einerseits schüchtern, andererseits froh, dass sie jemanden getroffen hatte, mit dem sie reden konnte und der ihr zuhörte, überkam ihn Mitleid. Deshalb und nur deshalb stimmte er zu, sie am nächsten Morgen wieder hier zu treffen. Dann verabschiedeten sie sich mit einem Kuss auf die Wangen und sie radelte vergnügt zurück in ihr Schloss.

Neugierig geworden, hatte er sich am Nachmittag auf den Weg gemacht, um sich dieses Schloss anzuschauen. Es lag in einiger Entfernung von der Stadt und er brauchte eine gute viertel Stunde, bis er es erreichte. Das Anwesen war von einer hohen Mauer umgeben und er konnte das Gebäude nur aus einer gewissen Entfernung sehen, nur durch das große, vergitterte Eingangstor und durch den Zaun mit den spitzen Staketen aus Eisen, der an der Vorderfront die Mauer ersetzte. Es war ein granitgraues, großes Haus mit grau-blauem Dach und zwei Türmchen, ein typisches französisches Landschloss. Eine kurze Allee mit alten Bäumen führte von dem Tor direkt zu einem pompösen Eingang mit einer geschwungenen Freitreppe. Die Blumenbeete neben der Anfahrt und der Rasen, auf dem viele alte Bäume standen, sahen gepflegt aus und auch das Schloss selbst machten einen ordentlichen Eindruck. Der Onkel hatte wohl schon viel Arbeit in sein Lustobjekt gesteckt.

Sie trafen sich am nächsten Morgen, um die selbe Zeit, am selben Ort. Sie redeten und lachten viel und fanden heraus, dass es eine ganz Reihe gemeinsamer Interessen gab. Sie kann ja richtig nett und unterhaltsam sein, dachte er, ein ganz guter Kumpel. Aber sie war nicht nur ein Kumpel sondern auch eine junge Frau und er merkte, wie sie ihn die ganze Zeit anschmachtete. Es war ganz offensichtlich, sie konnte ihn gut leiden, sie war vielleicht sogar ein bisschen in ihn verliebt, nein, sie war ganz schön scharf auf ihn. Jedenfalls gestand sie ihm, dass er das Beste sei, was diese Ferien bisher zu bieten hätten und dass sie sich wahnsinnig freuen würde, ihn wieder zu sehen und so weiter und so fort. Ihre schmeichelnden Worte erfreuten ihn und die Blicke, die sie ihm dabei zuwarf, gefielen ihm.

Als sie sich zum dritten Mal im Bistro gegenüber saßen, bereits gefrühstückt hatten und sie schon im Begriff war mit ihren Baguettes nach hause zu radeln, merkte er, dass sie noch etwas auf dem Herzen hatte. Sie druckste herum und wollte nicht so recht mit der Sprache heraus. Erst als er sie ermunterte, offen zu reden, wurde sie erst rot, dann sagte sie
„Weißt du, was ich mir überlegt habe? Ich möchte, dass du mich besuchen kommst, dass du zu mir in das Schloss kommst.“
„Na ja, warum nicht. Keine schlechte Idee. Wann soll ich denn kommen?“
„Ja, es ist nur so, tagsüber geht das nicht. Mein Onkel darf nicht mitbekommen, dass ich einen Freund habe. Er würde nie zustimmen, dass du mich besuchst und wenn ich dich auf mein Zimmer mitnehmen wollte, würde er durchdrehen. Seiner Meinung nach bin ich für Männerbekanntschaften zu jung. Er will noch nicht mal, dass ich mich mit gleichaltrigen Jungens treffen. Ich glaube, er will mich vor solchen Typen, wie er selbst einer ist, beschützen. Nur deswegen hat er mich in dieses blöde katholische Mädcheninternat gesteckt. Er behandelt mich immer noch wie ein Kind. Dabei bin ich schon fast sechszehn und könnte dann theoretisch heiraten. Ob ich einen festen Freund habe? Nein, nicht so richtig. In diesem Gefängnis wird man vor allem Bösen bewahrt und,“ sie zögerte und wurde noch verlegener „ich bin auch nicht besonders attraktiv, das weiß ich schon und das macht mir auch zu schaffen, aber das ist ein anderes Thema. Jetzt reden wir über deinen Besuch.“
„Wie soll ich dich denn besuchen, wenn ich nicht kommen darf?“
„Ganz einfach. Du kommst in der Nacht. Heute Nacht. Du kommst doch?“

Er zögerte, ja zu sagen. Einerseits genoss er die Situation. Ein junges Mädchen bedrängte ihn, sie nachts in ihrem Zimmer zu besuchen. Wollte sie nur ein kleines, verbotenes Abenteuer oder wollte sie ihren Onkel austricksen oder wollte sie sich selbst beweisen, wie selbständig sie war? Wie dem auch sei, sie wollte etwas, aber wollte er auch? Wollte er mit diesem jungen Ding mehr als belangloses Zeug quatschen, vielleicht mal eine Fahrradtour machen oder schwimmen gehen? Es erschien ihm undenkbar, dass er mehr als ein bisschen Sympathie empfinden könnte. Die Vorstellung, sich in sie zu verlieben, war grotesk. Aber wie wäre es mit einem kleinen, unverbindlichen Abenteuer? Dagegen wäre doch nichts einzuwenden? Sie hätte Spaß, er hätte Spaß und das wär’s dann. In den paar Tagen, seit er hier war, hatte sich bestätigt, dass der Ort ziemlich langweilig war. Die Aussicht, ausgerechnet hier die rasante Mademoiselle seiner Träume kennen zu lernen, die ihm wichtige Vokabeln und noch wichtigere Dinge beibringen könnte, war nicht sehr groß. Nun ja, der Urlaub hatte erst begonnen und vielleicht würde sich eine Taube auf dem Dach noch einstellen. Doch warum sollte er jetzt nicht erst mal den Spatz nehmen, der sich in seine Hand drängte? Dieser Spatz schaute ihn schon wieder mit diesen unschuldigen, verführerischen Blicken an und wartete auf seine Antwort. Ein junges Mädchen, das einen bedrängt, sie nachts zu besuchte, das ist doch keine schlechte Aussicht. Was will man als Mann mehr? Er nickte.

„Pass auf. Du kommst um elf Uhr, nein lieber eine Stunde später. Dann sind wir längst zurück vom Restaurant und die beiden haben ausgevögelt, sind total erschöpft und pennen tief und fest. Die werden uns bestimmt nicht stören und sonst ist ja niemand da. Um das ganze Grundstück herum führt ein Feldweg. Du gehst ihn entlang, immer dicht an der Mauer, bis zur Rückseite. Da ist  eine Stelle, wo die Mauer ziemlich eingefallen ist und du leicht drübersteigen kannst. Die kannst du gar nicht verfehlen. Von da aus siehst du mein Zimmer, ich lasse das Licht brennen. Es ist auf der Rückseite, das Schlafzimmer von meinem Onkel ist auf der Vorderseite. Von der Mauer zum Haus ist es nicht weit, vielleicht hundert Meter. Der Park ist hinter dem Haus viel kleiner als vor dem Haus. Mein Zimmer ist im ersten Stock, aber du kannst ganz einfach rein kommen, du musst nur am Efeu hochklettern. Der hält dich aus. Der sitzt fest in der Mauer. Ich bin da aus Spaß schon rauf und runter geklettert. Ach ja, ein kleines Problemchen gibt es noch. Mein Onkel hat einen Hund, Leo, einen Rottweiler, der läuft nachts frei im Garten herum. Er sieht gefährlich aus, ist aber eigentlich ganz lieb und harmlos und er hört total auf mich, weil ich immer mit ihm spiele und spazieren gehe. Wenn ich sage, Leo kusch, dann ist der ruhig, verlass dich drauf. Wenn er am Anfang ein bisschen bellt, ist das nicht schlimm, das kommt oft vor, wenn er Viecher im Park jagt, Katzen, Hasen, Eichhörnchen. Wenn du dann bei mir bist, können wir schöne Musik hören. Ich habe tolle Sachen. Und wir können Wein trinken. Ich besorg eine Flasche aus dem Weinkeller. Mein Onkel hat viele gute Weine, ich kenn mich da bloß nicht aus, sie sind aber bestimmt alle gut, sonst hätte er sie nicht gekauft. Du, ich freue mich wahnsinnig auf heute Nacht. Es wird bestimmt sehr schön und es ist endlich mal eine Abwechslung. Ich bin auch ganz nett und lieb zu dir. Glaub mir, du wirst es nicht bereuen.“

Doch als er nach hause ging und über die Sache nachdachte, überkamen ihn Zweifel. Obwohl er ihrem Drängen nachgegeben und zugestimmt hatte, gefielen ihm einige Dinge ganz und gar nicht, abgesehen davon, dass sie nun mal nicht sein Typ war. Zum einen war da die Sache mit dem Hund. Rottweiler sind doch Kampfhunde, gefährliche Biester, die werden doch nicht auf so ein Mädchen hören. Dann der Onkel, der Beschützer der Unschuld seiner Nichte. Wenn der unerwartet aufkreuzen würde, was dann? Und auch die Vorstellung, am Efeu in den ersten Stock klettern zu müssen, bereitete ihm Pein. Er war nicht besonders sportlich, trotz seiner Leidenschaft fürs Fahrrad fahren und als Leichtgewicht würde ihn auch niemand bezeichnen. Er seufzte. Die schnuckelige Französin seiner Träume, wäre ihm allemal lieber gewesen. Mit der hätte er verdammt gern eine heiße Nacht verbracht. Aber so richtig sicher war er sich nicht, ob er im entscheidenden Moment genug Mut hätte. 

Er fuhr gegen halb zwölf mit dem Fahrrad zum Schloss, fand die beschriebene Stelle, kletterte über die Mauer und sah das Licht in ihrem Zimmer. Als er den Rasen schon halb überquert hatte, kam ein Schatten auf ihn zugerannt und er hörte den Hund kurz anschlagen. Er blieb regungslos stehen. Doch da war auch schon die leise, beruhigende Stimme des Mädchens. Sie stand am offenen Fenster und winkte ihm zu. Der Hund knurrte leise, beschnüffelte ihn, blieb aber still und trollte sich schließlich. Als die Gefahr vorbei war, setzte er sich wieder in Bewegung und stand dann vor der Mauer. Als er sich noch überlegte, wie und wo er an diesem verdammten Efeu hochklettern sollte, rief sie ihm leise zu, dass etwas weiter nach links der dicke Stamm sei, an dem könne er sich gut festhalten. Der Efeu hielt tatsächlich und er stieg durch das Fenster in ihr Zimmer.

Dann standen sie sich gegenüber. Sie hatte sich schön gemacht und sah nun fast attraktiv aus. Viel Schminke überdeckte die Pickel, die Augen waren nun ausdrucksvoll, die Haare interessant gestylt, der schmale Mund grell rot und ein süßliches Parfüm umwehte sie. Sie trug nur ein kurzes Nachthemd, das zudem noch fast durchsichtig war und ihren Körper, der erst anfing, deutlich weibliche Formen anzunehmen, kaum verhüllte. Er war vom Hochklettern etwas außer Atem und was nun kam, überraschte ihn, so etwas hatte er nun doch nicht erwartet. Erwartet hatte er ein Küsschen auf die Wange, das sie ihm seit ihrer ersten Begegnung zur Begrüßung und Verabschiedung gegeben hatte. Oder ein schmachtendes „da bist du ja endlich“ begleitet von einem keuschen, verlegenen Lachen. Doch statt eines dezenten Küsschens, statt zimperlicher Zurückhaltung, ging sie schnurstracks auf ihn zu, umschlang ihn mit beiden Armen und küsste ihn auf den Mund. Es war kein unschuldiges Küsschen, nein, es war der heiße, leidenschaftliche Kuss einer ausgehungerten Frau. Er war von der Heftigkeit ihrer Attacke überrascht und versuchte sie auf Distanz zu halten, doch sie ließ sich nicht aufhalten und überrumpelte ihn ein weiteres Mal, indem sie ihn zum Bett zerrte und sich mit ihm auf die Matratze fallen ließ. Sie drückte und presste und keuchte und flüsterte, dass sie ihn lieb habe, dass es soooo schön sei, ihn endlich bei sich zu haben und dann, ganz unverblümt, dass sie mit ihm schlafen wolle. Er war wegen der Klarheit ihrer Wünsche erst völlig perplex, dann indigniert. Mit ein bisschen Abenteuer hatte er ja gerechnet, aber mit solch einem Überfall nicht, nein, darauf war er nicht vorbereitet. Aber, da er sich nun mal auf das Spiel eingelassen hatte, beschloss er, weiter mitzumachen, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Küssen - ja, fummeln - ja, streicheln – ja, aber mehr nicht. Kein Sex mit dieser minderjährigen Göre! Also ließ er zu, dass sie ihn weiterhin umarmte. Er erduldete Dutzende feuchter Küsse und ertrug auch ihre sabbernde, leckende Zunge in seinem Mund. Sein Beitrag zu dem Liebesspiel war zurückhaltender. Er fuhr mit seinen Händen ein paar Mal über ihren breiten Rücken, knetete ihren wabbeligen Hintern und begrapschte ihre kümmerlichen Brüste. Aber trotz all dieser Bemühungen merkte er, dass statt Erregung nur Angst in ihm aufkam. Als sie begann, sein Hemd aus der Hose zu zerren und die Hose aufzuknöpfen, war das Ende des Spiels für ihn erreicht. Er drückte die liebestolle Lolita erst sanft, dann immer stärker von sich weg, setzte sich auf die Bettkante und verkündete unvermittelt, dass er doch lieber gehen wolle. Sie hielt kurz inne, wollte aber nicht glauben, was er sagte. Sie klammert sich wieder an ihn und bettelte, er solle doch bitte, bitte bleiben und sie jetzt nicht allein lassen. Als er auf seinem Entschluss beharrte, fing sie an zu weinen und sagte unter Schluchzen, dass sie doch noch den Wein trinken müssen, er solle doch die Flasche öffnen. Doch es war wohl nicht die Sorge um den ungetrunkenen Wein, es waren andere Gründe, die sie umtrieben und mit denen sie nun herausrückte. Sie habe noch nie mit einem Jungen geschlafen und einmal müsse es ja sein und er sei doch so nett zu ihr gewesen und selbst wenn er sie gar nicht lieb habe, könne er doch so tun als ob, Männer können das doch, oder nicht? Für sie sei es das erste Mal und deswegen sei es so wichtig. Die meisten ihrer Freundinnen im Internat hätten alle schon mal was mit Jungs gehabt, nur sie nicht. Jetzt hätte sie die Gelegenheit und sie sei bereit und sie wolle es mit ihm machen, jetzt und hier und wenn sie beide erst mal ein bisschen Wein getrunken hätten, sei alles viel einfacher. Und danach, danach würde sie nichts mehr von ihm wollen, sie würde ihn in Ruhe lassen und er solle doch nicht böse auf sie sein und bleiben.

Aber er wollte nicht, weder sie noch den Wein. Er hatte genug von diesem Überfall, von ihrem lächerlichen Getue von wegen Liebe, von ihrem maßlosen Hunger nach Sex, von ihrem festen Vorsatz, ihn als Werkzeug für ihre Entjungferung zu benutzen. Ihre verweinten, verschwollenen Augen, ihr Geschniefe und Gerotze gingen ihm auf den Geist. Der Lippenstift war verwischt, die Schminke verschmiert, die Haare zerzaust. Sie hatte absolut nichts Verführerisches an sich. Sie war nur noch eine hässliche, aufdringliche, fette, pubertierende Zwergin. Und je flehender sie ihn anschaute, je verzweifelter sie auf ihn einredete, je fester sie sich an ihn krallte, desto mehr fühlte er sich von ihr abgestoßen und angeekelt. Er konnte einfach nicht länger bleiben, ihm war höchst unwohl und die ganze Situation war nicht nur lächerlich sondern sogar gefährlich. Was passierte eigentlich, wenn man es mit einer Minderjährigen trieb, selbst wenn sie wollte? Da konnte er doch ins Gefängnis kommen. Wenn der Onkel ihn hier erwischen würde, wäre die Situation ja wohl ganz eindeutig. Ein fremder Mann versucht seine geliebte, kleine, unschuldige Nichte zu vergewaltigen und er würde nicht zögern, ihn zu verprügeln und die Polizei zu rufen. Jedenfalls wäre er dann in einer echt beschissenen Lage.

„Nein“, bekräftigte er seinen Entschluss, wand sich aus ihrer Umklammerung und stand auf „mir reicht es. Ich gehe. Den Wein kannst du allein trinken und morgen früh habe ich keine Zeit, da habe ich was anderes vor und übermorgen auch schon. Tut mir leid, aber es geht einfach nicht mit uns beiden.“
Das Mädchen blieb auf dem Bett sitzen, schluchzte und schniefte heftiger denn je und fragte, ob sie denn so hässlich sei und ob er es nicht doch mit ihr machen wolle, ihr zu Liebe, sie habe sich so gefreut, sie wolle doch gar nicht viel von ihm, nur dies eine Mal. Doch er hörte gar nicht mehr hin, ging zum Fenster, stieg auf das Fensterbrett, tastete in der dunklen Nacht nach dem Efeu und schickte sich an, vorsichtig wieder hinunterzuklettern. In diesem Moment schrie das Mädchen, laut, gellend, kreischend „Hilfe, Hilfe, Einbrecher“. Dann hörte er wie Glas klirrend zerbrach. Er drehte sich etwas mühsam um und blickte zurück in das Zimmer. Das Mädchen hatte ein Weinglas am Nachttisch zerschlagen und zerkratzte sich mit einer Scherbe die Arme und das Gesicht. Blut sickerte auf ihre weiße Haut.
Er schrie „Spinnst du? Hör auf mit dem Scheiß!“
Als Antwort zerriss sie ihr Nachthemd, rannte zur Zimmertür, öffnete sie und plärrte „Hilfe, man hat mich vergewaltigt. Kommt den keiner. Hilfe.“

Durch die Schreie seines Frauchens aufgeschreckt, war der Hund unter das Fenster gerast, bellte laut, sprang an der Hauswand hoch, fletschte die Zähne und sah verdammt gefährlich aus. In wenigen Augenblicken würde bestimmt auch noch der Onkel kommen, allein oder mit seiner verängstigten Freundin im Schlepptau und ihm die Hölle heiß machen. Er hatte seine Hände im Efeu verkrallt, stand aber immer noch auf dem sicheren Fensterbrett und schaute nun auf den geifernden Hund unter sich. Durch das rasende Tier abgelenkt, bemerkte er nicht, dass das hysterische Mädchen mit der Weinflasche in der Hand zum Fenster gekommen war und ihm nun einen wütenden Schlag auf den Rücken versetzte. Diese Attacke kam so unerwartet und war so heftig, dass er den sicheren Halt auf der Fensterbank verlor und nur noch im Efeu hing. In seiner Aufregung hatte er jedoch nicht gemerkt, dass er sich auf der falschen Seite festgeklammert hatte, nicht dort, wo ihm der dicke Stamm sicheren Halt bot, sondern dort, wo nur die schwachen Haftwurzeln an der Mauer klebten. Er hing zwischen Fenster und Rasen, hinter sich das schreiende, schlagende Mädchen, ein paar Meter unter sich den Hund, der sich genauso wild gebärdete. Und nun kam, was kommen musste, der Efeu hielt sein Gewicht nicht länger aus und begann nachzugeben. Eine Haftfläche nach der anderen löste sich von der Mauer und langsam, aber stetig sank er weiter nach unten, auf das fürchterliche Gebiss des Rottweilers zu. Kurz bevor er fiel, hörte er aus dem Zimmer eine Männerstimme. „So beruhige dich doch, mein Liebes. Hattest du wieder einen deiner Alpträume? Ich gebe dir eine Schlaftablette.“  

 

 

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