Im Bus

 

Die Bushaltestelle an der Plaza Mayor war ein Verschlag aus Brettern, zur Straße hin offen, mit einer schmalen Bank, die nur Platz für eine Person bot. An einer Seite hing eine Werbung für Bier, an der anderen der Busfahrplan auf vergilbtem Papier. Man konnte ihm entnehmen, dass der Bus in die Provinzhauptstadt dreimal am Tag fuhr. Der junge Mann saß im Schatten dieser Bude und wartete auf den Mittagsbus. Er hätte auch in dem einzigen Café des Ortes warten und dort ein Bier trinken können, aber dann hätte er mit seinem schweren Rucksack den großen, staubigen Platz überqueren müssen und dafür war es zu heiß. Ein paar Passanten und einige Nichtstuer hatten sich bereits eingefunden, obwohl es noch viel zu früh war, selbst wenn der Bus nicht wie üblich mit großer Verspätung ankäme. Aber da er genauso gut viel früher ankommen könne, wie man ihm im Hotel gesagt hatte, war der junge Mann jetzt schon hier, er wollte ihn auf keinen Fall verpassen. 

Er beobachtete das spärlich Treiben auf dem staubigen Platz und sah, wie ein Paar auf die Haltestelle zukam. Er, ein untersetzter, feister Mann, der katzenartig, geschmeidig ging und dessen Fülle nicht nur aus Fett sondern auch aus Muskeln bestand und sie, eine schlanke, jugendlich wirkende Frau, die eine schwere Plastiktasche schleppte, während er sich mit einem Fächer frische Luft zuführte, ein aussichtsloses Unterfangen. Kaum waren die beiden an der Haltestelle angekommen, schaute der Dicke den jungen Mann erst finster an, dann raunzte er ihn an, er solle die Bank frei machen. Einen Moment lang überlegte dieser, ob er die Unverschämtheit einfach ignorieren oder eine patzige Antwort geben sollte, aber die Augen, die ihn anblickten waren so eiskalt und die begleitende Geste, ein knappes, mehrfaches Anwinkeln des rechten Unterarms – hopp, hopp, weg da - so eindeutig, dass er es vorzog, schweigend seinen Rucksack zu nehmen und sich neben die Bude zu stellen. Der Dicke setzte sich, die Frau blieb stehen. Nach einer Weile kramte er einen Geldschein aus seiner Hosentasche und wedelte mit ihm in Richtung des Cafés. Die Frau zögerte, schien nicht zu verstehen oder nicht verstehen zu wollen, aber dann nahm sie das Geld, ging über den Platz und kam nach einer Weile mit zwei Dosen Bier zurück. Ihr Mann öffnete eine und kippte den Inhalt ohne abzusetzen in sich hinein.

Endlich traf der Bus ein, erstaunlicherweise sogar einigermaßen pünktlich und voll wie immer. Die Leute drängelten sich an der Tür. Er wusste, dass er mit seinem Rucksack keine Chance hatte, einen Sitzplatz zu ergattern und wartete, bis fast alle eingestiegen waren. Vor ihm war das Paar. Der Dicke, kaum im Bus, herrschte eine erschrocken aufblickende Frau an und diese überließ ihm eingeschüchtert ihren Platz. Die Frau des Dicken blieb im Mittelgang stehen, die Plastiktasche zwischen den Füßen. Der Bus setzte sich in Bewegung. Wegen der schlechten Straße, der vielen Kurven und der fehlenden Federung waren alle, die stehen mussten, ständig damit beschäftigt, ihr Gleichgewicht zu wahren und einen festen Halt zu suchen. Auch die junge Frau, direkt neben ihm, hatte dieses Problem und war ein paar mal mehr oder weniger heftig mit ihm zusammengestoßen. Sie sagte ein paar Worte der Entschuldigung und er antwortete, dass ihm das nichts ausmache und man könne Zusammenstöße ja gar nicht vermeiden. Er hatte nun, trotz des Geschaukels, Zeit und Gelegenheit, die Frau genauer zu betrachten. Sie war schmal und reichte ihm gerade bis zur Schulter. Sie hatte ein hellbraune Hautfarbe, vermutlich eine Mulattin. Ihre Haare waren zu zwei kleinen Zöpfen geflochten, die mit Gummiringen und bonbonfarbenen Clips gehalten wurden und kess abstanden. Sie war, die Fältchen in ihrem Gesicht zeigten es, doch nicht mehr so jung, wie es auf den ersten Blick schien, aber diese Zöpfchen und ihre großen, dunklen Augen gaben ihr das jugendliche Aussehen. Ihr dünnes, rosafarbenes T-Shirt, das ihren BH und die Brustwarzen deutlich erkennen ließ, trug eine Aufschrift, die etwas mit Sonne und Liebe zu tun hatte. Unter den Achseln hatten sich große Schweißflecken gebildet und der intime Geruch war wegen der zwangsläufigen Nähe sehr intensiv und wurde durch ihr süßliches Parfüm nur wenig neutralisiert.

Der dicke Mann hatte inzwischen sein zweites Bier getrunken und dann die Augen geschlossen. Sein Kopf wackelte im Takt des schlingernden Busses, fiel ab und zu auf die Brust und schreckte dann wieder hoch in den Nacken. Hin und wieder hörte man deutliche Schnarchlaute. Die junge Frau hatte inzwischen gemerkt, dass der beste Halt für sie der Arm ihres Nachbarn war. Erst zögerlich, dann aber um so fester, umklammerte sie ihn. Dabei warf sie ständig vorsichtige Blicke auf ihren schlafenden Mann. Als sie sich sicher war, dass er von seiner Umgebung nichts mehr mitbekommen würde, fing sie an, erst leise, dann zunehmend lauter, auf den jungen Mann einzureden. Dieser hatte Mühe, sie zu verstehen, weil sie, um die Bewegungen des Busses auszugleichen, mal näher kam, mal weiter weg blieb und zudem das laute Motorengeräusch übertönen musste. Er bekam aber dennoch mit, dass sie in die Provinzhauptstadt führen, wo ihr Mann Geschäfte mache. Sie wohnten im Hotel „Las Rosas“, gleich am zentralen Platz, wo auch die Endstation für den Bus sei. Ihr Mann ginge üblicherweise direkt nach der Ankunft zu seinen Geschäftsfreunden und sei dann den ganzen Tag über weg. Wenn er spät abends zurück käme, wäre er wie immer besoffen und außerdem wäre er bei einer chica gewesen, einer prostituta und das würde sie sehr ärgern. Überhaupt vernachlässige er sie total. Sie sei gerade gut genug, die Beine breit zu machen, wenn er Lust bekäme und keine andere zu haben sei. Sie hasse ihn, er sei ein Teufel, ein schlechter Mensch und ein Arschloch von einem Mann.

Ihr Mann schlief fest und die anderen Leute im Bus nahmen ihr Gespräch nicht zur Kenntnis. Sie hatte sich inzwischen dicht an ihn herangemacht, hielt sich immer noch an seinem Oberarm fest und drückte, anscheinend unabsichtlich, in Wahrheit jedoch gezielt, ihren Busen an seine Brust und er genoss durchaus diese körperliche Nähe. Sie redete weiter auf ihn ein, während er nur ab und zu kurz antwortete. Nachdem sie mit dem Beklagen ihres Leids fertig war, machte sie ihm Komplimente. Wie gut er aussehe, was für ein toller Mann er sei, so jung und so schlank, ganz anders als ihr Fettwanst, und wie interessant, dass er Ausländer sei. Sie habe noch nie das Glück gehabt habe, einen Ausländer kennen gelernt zu haben und sie wolle unbedingt noch mehr von ihm wissen, von seinem Heimatland, seinem Beruf, seiner Familie und ob er verheiratet sei. Sie würde in der Bar des Hotels auf ihn warten und er soll gleich dorthin kommen, wenn er ein Zimmer gefunden habe, dann könnte sie den Nachmittag über zusammen sein. Sie musste, um ihm in die Augen zu sehen, direkt von unten hoch schauen und in ihrem Blick, der inzwischen nicht mehr ihren Mann suchte, wechselten sich Neugier, Angst, Wut und Hoffnung ab. Schließlich schaute sie ihn wie ein verliebtes junges Mädchen an, das ihrem heimlichen Freund nahe ist, aber vermeiden muss, ihre Gefühle deutlich zu zeigen. Dann, sie waren mittlerweile in den Vororten der Provinzhauptstadt angekommen, wurde sie konkreter. Sie habe sich in ihn verliebt und sie wolle mit ihm abhauen, irgendwo hin, er habe doch sicher genug Geld dabei und sie würde alles für ihn tun und ihm alles geben, was er nur wolle.

Je länger er zuhörte und je mehr er verstand oder zu verstehen glaubte, desto mehr bekam er es mit der Angst zu tun. Er beschloss in seiner Not, lieber vorzeitig auszusteigen und nicht erst am Hotel „Las Rosas“, wo es zu weiß was für Komplikationen kommen könnte. Daher löste er, als der Bus das erste Mal an einer belebten Kreuzung hielt, rasch ihre Finger von seinem Arm, nahm seinen Rucksack und sagte, er müsse aussteigen, addios und alles Gute. Sie schaute ihn erst ungläubig, dann zunehmend böse an und stieß einige laute Worte aus, vermutlich eine Kaskade von Flüchen. Der Dicke wachte auf, starrte erst sie, dann den jungen Mann an, fragte etwas, sie antwortete und er begann sich aus seinem Sitz hoch zu wuchten. Zum Glück war die Bustür nicht weit und der Gang fast leer. Er rannte hinaus, die Tür schloss sich. Durch das Fenster des wegfahrenden Busses sah er, wie die beiden heftig miteinander redeten und als letztes sah er ihren Blick auf sich gerichtet und der Blick war böse und wütend und verzweifelt. Er atmete tief durch, schulterte seinen Rucksack und machte sich auf den Weg, ein Zimmer zu suchen.

 

 

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