Eine Begegnung in den Bergen

 

Voller Angst schaute sie immer wieder in den Rückspiegel. Der Wolfsmann war ihr dicht auf den Fersen. In jeder Kurve, in der sie abbremsen musste, war er ganz nahe, er klebte dann förmlich an ihrer Stoßstange und sie sah deutlich seine gelben Augen und sein verbissenes Gesicht. Auf jeder der kurzen geraden Strecken, wenn sie wieder Gas gab, fiel er zurück. Dann gestikulierte er wild mit einem, manchmal sogar mit beiden Armen, und wollte sie offensichtlich zum Anhalten bewegen. Sie zitterte und spürte diesen entsetzlichen, gelben Blick im Nacken, selbst wenn sie nicht in den Rückspiegel schaute.

Diesen Blick sah sie zum ersten Mal, als sie am Kiosk auf der Passhöhe stand und Postkarten kaufen wollte. Ein Radfahrer im schwarzen Trikot mit grauem Helm, unter dem lange, schwarze Haare hervorquollen und einem wilden schwarzen Bartgestrüpp, quälte sich keuchend und nach Luft ringend die letzten Meter den steilen Anstieg hinauf. Seine schmale, mandelförmige Sonnenbrille verlieh ihm einen gelben, wölfischen Blick. Ein paar Dutzend Meter vom Kiosk entfernt hielt er an, ließ sein Rad  fallen und sank selbst völlig erschöpft auf das Gras. Nun lag er ausgestreckt da, alle viere von sich gestreckt und rang mit offenem Mund nach Luft. Bei jedem Atemzug, bei jedem Japsen traten seine Eckzähne deutlich hervor. Das Bild eines Wolfs, der nach erfolgloser, anstrengender Jagd wieder zu Kräften kommen muss, verfestigte sich in ihrem Kopf.

Sie war allein unterwegs in ihrem uralten Käfer, auf der Suche nach Fotomotiven für einen Reiseführer, der einsame Bergstraßen und abgelegene Pässe beschreiben sollt. In dieser Gegend gab es viele Pässe mit schmalen, schlecht ausgebauten, kurvenreichen Straßen. Ein ideales Übungsgebiet für Radfahrer, die ihre Kondition aufbauen und die Technik ihrer rasenden Abfahrten verbessern wollten.

Wie angewurzelt stand sie nun schon eine ganze Weile vor dem Kiosk und schaute längst nicht mehr auf die Postkarten. Sie starrte auf den Wolfsmenschen, der immer noch schwer atmend im Gras lag. Er stieß sie ab und faszinierte sie zugleich und auf einmal wusste sie, dass sie ihn fotografieren wollte, unauffällig, heimlich, ohne zu fragen. Sie wollte die Szene einfangen, so wie sie in diesem Moment war. Sie wollte unbedingt ein Bild von dem total erschöpften, ausgelaugten Mann, der selbst in diesem Zustand noch wild und angriffsbereit wirkte. Rasch kaufte sie ein paar Karten, eilte zu ihrem Käfer, nahm die Kamera vom Rücksitz, kramte in der Fototasche und wechselte das Objektiv. Für diesen Schnappschuss war ein Teleobjektiv mit langer Brennweite erforderlich. Doch als sie wieder aufschaute, war der Mann, der eben noch völlig erledigt da gelegen hatte, aufgestanden und zum Kiosk gegangen. Dann eben im Stehen, dachte sie enttäuscht und richtete die Kamera auf ihn. Als ob er es geahnt hätte, drehte sich der Mann in diesem Moment um. Sie hatte ihn voll im Sucher, diesen schwarzen Wolfsmensch mit den gelben Augen, die sie anstarrte und drückte ab, einmal, zweimal, dreimal. Als er bemerkte, dass er fotografiert wurde, verzerrte sich sein Gesicht, es wurde noch wölfischer. Er schaute wütend zurück, sie drückte erneut ab, dann hob er drohend die Hand, ein weiteres Bild, schließlich rief er ihr sogar etwas zu, das sie jedoch nicht verstand, ein letztes Bild. Dann setzte sie sich, eine auf frischer Tat ertappte Paparazza, rasch in ihr Auto und startete den Motor. Als sie vom Parkplatz auf die Passtrasse fuhr, sah sie, wie der Wolfsmann zu seinem Fahrrad lief, es hoch hob und ihr folgte. Sie gab Gas und der altersschwache Käfer machte einen Satz. 

Sie fuhr mit beachtlicher Geschwindigkeit bergab, der Wolfsmann verfolgte sie. Da sie keine Routine mit dem Fahren auf Bergstraßen hatte, war ihre Fahrtechnik miserabel. Vor jeder engen Kurve fürchtete sie sich und sie bremste stark ab. Es gelang ihr einfach nicht, sich von ihrem Verfolger zu lösen. Er war da, wann immer sie in den Rückspiegel blickte. Auf einer längeren, geraden Strecke, als sie zu lange zögerte, wieder Gas zu geben, war es dann soweit. Er überholte sie und als er plötzlich neben ihr und dann vor ihr auftauchte, bremste sie ab. Er setzte sich direkt vor ihr Auto und verlangsamte nun seinerseits das Tempo. Sie konnte ihn nicht überholen, die Straße war zu eng und zu kurvig und als er, in einer besonders engen Kurve einfach stehen blieb, musste auch sie anhalten. Der Wolfsmensch blieb aber nicht nur stehen, er legte sein Rad vor ihr Auto auf die Straße. Dann trat er auf die Fahrertür zu. Sie verriegelte diese ängstlich und kurbelte rasch das Fenster hoch. Er rief ihr etwas zu und fuchtelte mit einem dunklen Gegenstand vor der Scheibe herum. Erst nach der dritten oder vierten Wiederholung verstand sie, was er sagte: „Madame, vous avez oubliez votre portemonnaie – Sie haben ihr Portemonnaie liegen gelassen.“ Erleichtert atmete sie auf und tastete die Tasche ihres Geldgürtels ab. Tatsächlich, die Tasche war leer. „Es gibt doch noch nette Menschen. Was führ ein Idiot bin ich nur gewesen“ dachte sie und die Anspannung fiel von ihr. Sie zog den Verriegelungsknopf hoch und öffnete die Tür einen Spalt. Der Wolfsmann packte die Tür, zog sie vollends auf und stellte einen Fuß auf das Trittbrett. Er lachte schetternd und seine Hand mit diesem dunklen, länglichen Gegenstand kam langsam auf ihr Gesicht zu. Sie musste den Kopf abwenden, um ihr zu entgehen und dabei schaute sie fast zufällig auf den Beifahrersitz. Dort lag ihr Portemonnaie.

 

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